Tatverdächtiger Lingener auf freiem Fuß Kritik an Staatsanwaltschaft nach Schüssen auf Flüchtlinge

Der Tatort an der Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg: Theoretisch könne gegen den Tatverdächtigen ein befristeter Platzverweis ausgesprochen werden, so dass der Mann nicht mehr in die Nähe aufhalten dürfte, erläuterte Michael Schwickert, Direktor des Amtsgerichtes Lingen. Foto: Wilfried RoggendorfDer Tatort an der Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg: Theoretisch könne gegen den Tatverdächtigen ein befristeter Platzverweis ausgesprochen werden, so dass der Mann nicht mehr in die Nähe aufhalten dürfte, erläuterte Michael Schwickert, Direktor des Amtsgerichtes Lingen. Foto: Wilfried Roggendorf 

Lingen. Der 21-jährige Mann, der verdächtigt wird, am Sonntag in Lingen mit einem Luftgewehr auf ein fünfjähriges Kind und einen 18-jährigen Bewohner eines Flüchtlingshauses geschossen und beide verletzt zu haben, ist weiterhin auf freiem Fuß. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat nach eigenen Angaben auf einen Haftantrag verzichtet. In sozialen Netzwerken wird Kritik an dieser Entscheidung geübt.

Laut Oberstaatsanwalt Alexander Retemeyer liegen keine Haftgründe wie beispielsweise Fluchtgefahr vor. Eine Auffassung, die durchaus in Frage gestellt wird. Die Entscheidung sei „nicht nachvollziehbar, wenn jemand auf Menschen schießt“, schreibt ein User auf der Facebook-Seite der Lingener Tagespost , viele andere sind der gleichen Meinung.

Da die Staatsanwaltschaft keinen Haftantrag gestellt habe, sei das Amtsgericht Lingen nicht in den Vorfall eingebunden, sagt der Direktor der Einrichtung, Michael Schwickert, auf Anfrage unserer Redaktion. Um einen Tatverdächtigen in Untersuchungshaft nehmen zu können, müssten rein rechtlich und unabhängig von diesem konkreten Fall drei Bedingungen erfüllt sein, erläutert der Jurist. Erstens muss ein dringender Tatverdacht vorliegen. Zweitens darf die Untersuchungshaft nicht unverhältnismäßig zur Tat sein. Drittens muss es einen Haftgrund wie beispielsweise Flucht- oder Verdunkelungsgefahr oder eine konkrete Gefahr durch den Tatverdächtigen geben.

„Eigentlich nicht zimperlich“

Offensichtlich habe die Staatsanwaltschaft Osnabrück keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Untersuchungshaft gesehen und deshalb auf einen entsprechenden Antrag verzichtet, sagt Schwickert. Ob sich diese Auffassung im Zuge der weiteren Ermittlung ändere, könne er nicht einschätzen. Ein Haftantrag könne immer noch gestellt werden: „Die Staatsanwaltschaft ist eigentlich nicht so zimperlich mit Haftanträgen.“ Wie das Amtsgericht Lingen im Falle eines Haftantrages entschieden hätte, könne er nicht sagen, so Schwickert. Er selber wisse zu wenig über den konkreten Fall.

Bauchgefühl spielt keine Rolle

Unabhängig von der rein rechtlichen Bewertung der Angelegenheit könne er nachvollziehen, dass es nicht leicht zu verstehen sei, dass der Tatverdächtige – für den bis zu einer Verurteilung die Unschuldsvermutung gilt – weiterhin auf freiem Fuß ist. Der 21-Jährige wohnt in der Nachbarschaft des Flüchtlingshauses und soll von dort aus auf seine Opfer geschossen haben. Letztlich komme es bei der Entscheidung des Haftrichters aber auf die Rechtslage an, „weiche Faktoren“ wie beispielsweise ein „Bauchgefühl“ spielten bei einer derartigen Entscheidung keine Rolle, erläutert Schwickert. Zumal eine Untersuchungshaft nicht als Strafe anzusehen sei. Sie diene lediglich der Sicherung des Verfahrens.

Platzverweis denkbar

Rein theoretisch gebe es grundsätzlich andere denkbare Wege, einen Tatverdächtigen aus dem Zentrum des Geschehens zu nehmen, sagt Schwickert. Beispielsweise könnte die Polizei einen zeitlich befristeten Platzverweis aussprechen. Dann dürfte ein Tatverdächtiger sich nicht mehr in der Nähe des Tatortes aufhalten. Die Polizei Lingen hatte angekündigt, in dem Bereich vermehrt Streife zu fahren.

Ermittlungen wegen schwerer Körperverletzung

Die Polizei hatte den 21-Jährigen festgenommen, nachdem Zeugen beobachtet hatten, dass aus dessen Wohnung geschossen worden war. Die Opfer, die den Angaben zufolge aus rund 40 Metern Entfernung von Luftgewehr-Projektilen getroffen wurden, wurden jeweils leicht am Bein verletzt. Jetzt wird gegen den Mann wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Im Falle einer Verurteilung droht ihm Haft bis zu zehn Jahren. Laut Staatsanwaltschaft soll der Mann „rechtsradikale Neigungen“ haben.

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