SKM betreut die Opfer Entsetzen nach Schüssen auf Flüchtlinge in Lingen

Von Wilfried Roggendorf

Die Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg in Lingen. Ein 18-jähriger Syrer und ein fünfjähriges mazedonisches Mädchen wurden hinter der Unterkunft mit einem Luftgewehr beschossen. Foto: Wilfried RoggendorfDie Flüchtlingsunterkunft am Langschmidtsweg in Lingen. Ein 18-jähriger Syrer und ein fünfjähriges mazedonisches Mädchen wurden hinter der Unterkunft mit einem Luftgewehr beschossen. Foto: Wilfried Roggendorf 

Lingen. Nach den Schüssen auf zwei Flüchtlinge hinter einem Wohnheim im Lingener Langschmidtsweg herrscht in der Stadt Ratlosigkeit und Entsetzen.

Vor der Ausgabestelle der Lingener Tafel im Langschmidtsweg herrscht einen Tag nach der Tat reges Gedränge. Rund um die benachbarte Flüchtlingsunterkunft ist es hingegen sehr ruhig. Auf ihrer Rückseite wirkt es, obwohl die Außenanlage noch nicht fertiggestellt ist, fast ein wenig idyllisch. Dichtes Grün umgibt den Bereich, der den Flüchtlingen als Aufenthaltsort im Freien dient. Doch das Grün ist nicht dicht genug: Durch eine Lücke ist ein Fenster eines rund 40 Meter entfernten Mehrfamilienhauses an der Langenbielauer Straße direkt zu sehen. Und von dort sind am Sonntagnachmittag Schüsse auf die Flüchtlinge abgegeben worden.

SKM betreut die betroffenen Flüchtlinge

Die Flüchtlinge halten sich am Montag im Gebäude auf, haben die Vorhänge der Fenster zugezogen. In ihrer Unterkunft werden sie von Sozialarbeitern des Vereins für soziale Dienste Lingen (SKM) betreut, der im Auftrag der Stadt diese und rund ein Dutzend weiterer Flüchtlingsunterkünfte in Lingen betreibt. Dies erklärt SKM-Geschäftsführer Hermann-Josef Schmeinck. „Wir werden in den nächsten Tagen intensiv beobachten, wie es den Leuten geht“, versichert er. Wenn die Flüchtlinge es wünschten, werde der SKM ihnen den Umzug in eine andere Unterkunft innerhalb der Stadt ermöglichen.

Krone: Einzeltäter – Viele Lingener pflegen Willkommenskultur

Schmeinck ist fassungslos über das, was Geschehen ist. Und nicht nur er. „Ich bin über dieses verabscheuungswürdige Ereignis entsetzt und fassungslos“, sagt Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone. Es sei niederträchtig, auf unschuldige Menschen zu schießen. „Die Flüchtlinge suchen bei uns Schutz vor Anschlägen, sind traumatisiert und dann schießt hier jemand auf Kinder und Jugendliche“, verurteilt Krone die Tat. Und dies erwartet er auch von den Strafverfolgungsbehörden: „Ich hoffe, dass die deutsche Justiz mit aller Härte des Gesetzes gegen den Täter vorgeht.“ Krone betont, dass es sich um einen Einzeltäter handele. „Dem gegenüber stehen die vielen Lingener, die sich aktiv im Rahmen der Integrationsarbeit für die Flüchtlinge engagieren und eine herzliche Willkommenskultur pflegen“, so der Lingener Oberbürgermeister.

Entsetzen in Lingen-Reuschberge

Entsetzen herrscht auch im Lingener Stadtteil Reuschberge, wo sich die Tat ereignet hat. Die SPD-Ratsdame Edeltraut Graeßner ist als Vorsitzende der Lingener Tafel Nachbarin der Flüchtlingsunterkunft. „Ich hätte nie erwartet, dass so etwas hier passiert. Aber in Lingen gibt es keine heilere Welt als woanders“, erklärt sie in einer Mischung aus Wut, Resignation und Entsetzen. Auch Uwe Hilling, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Reuschberge und der Lingener CDU-Stadtratsfraktion, verurteilt die Tat auf das Schärfste: „Mir fehlen die Worte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man so einen Irrsinn machen kann.“

Kemmer: Rechtsextreme Strukturen auch im Emsland angekommen

Birgit Kemmer (Bündnis 90/Grüne) sagt: „Leider gibt es inzwischen auch in Lingen Menschen mit einer menschenverachtenden Gesinnung und persönliche Angriffe auf Flüchtlinge.“ Die Tat zeige deutlich, dass Rassismus und rechtsextreme Strukturen auch im Emsland angekommen und viel weiter verbreitet seien, als in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Die Grünen verurteilten diese und jede andere Form des Rassismus und der Menschenfeindlichkeit.

SPD-Stadtfraktion: Weitere Angriffe verhindern

Auch die Lingener SPD-Stadtratsfraktion ist entsetzt: „Wir erwarten, dass die Hintergründe der Tat schnellstmöglich aufgeklärt werden“, erklärt der Fraktionsvorsitzende Bernhard Bendick. Mit Befremden nehme die SPD zur Kenntnis, dass der Tatverdächtige wieder auf freien Fuß sei. Die Flüchtlinge hätten ein Recht auf einen vollständigen Schutz. „Wir erwarten, dass die Verwaltung alles in ihrer Macht unternimmt, dass der Angriff auf ein Flüchtlingsheim in Lingen ein Einzelfall bleibt.“

Drees: Täter als Nachbar auf freiem Fuß ist menschlich schwer auszuhalten

Auch weitere Personen und Institutionen haben die Schüsse auf die Flüchtlinge verurteilt, so beispielsweise der Caritasverband der Diözese Osnabrück und der Grünen-Landtagsabgeordnete Volker Bajus. „Ich bin geschockt, dass so eine menschenverachtende Tat hier im Emsland möglich ist, wo sich seit Jahren so viele Menschen für die Aufnahme Schutz suchender Menschen und ein friedliches Miteinander einsetzen“, erklärt der Abgeordnete. Caritasdirektor Franz Loth unterstreicht: : „Wir erwarten von den Strafverfolgungs- und Justizbehörden, dass sämtliche gesetzlichen Möglichkeiten ohne jegliche Toleranz ausgeschöpft werden, um diese Tat zu ahnden.“ Marcus Drees, Geschäftsführer des Caritasverbandes für den Landkreis Emsland, ergänzt: „Es ist menschlich schwer auszuhalten, dass der Täter in unmittelbarer Nachbarschaft der Opfer auf freiem Fuß lebt.“ Die Schüsse hätten nicht nur die Flüchtlinge getroffen, sondern alle, die sich für ein friedliches Miteinander mit den Flüchtlingen im Bistum Osnabrück einsetzen würden.


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