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„Rechtsradikale Neigungen“ Lingen: 21-Jähriger schießt mit Luftgewehr auf Flüchtlinge

Hier haben sich die Flüchtlinge hinter ihrer Unterkunft am Lingener Langschmidtsweg aufgehalten, als sie von den Luftgewehrkugeln getroffen wurden. Die Schüsse kamen nicht aus dem im Bild zu sehenden Haus im Hintergrund, sondern aus einem Gebäude, das aus dieser Perspektive durch die Vegetation verdeckt ist. Foto: Wilfried RoggendorfHier haben sich die Flüchtlinge hinter ihrer Unterkunft am Lingener Langschmidtsweg aufgehalten, als sie von den Luftgewehrkugeln getroffen wurden. Die Schüsse kamen nicht aus dem im Bild zu sehenden Haus im Hintergrund, sondern aus einem Gebäude, das aus dieser Perspektive durch die Vegetation verdeckt ist. Foto: Wilfried Roggendorf 

Lingen. Am Sonntagnachmittag sind zwei Flüchtlinge bei Schüssen auf eine Unterkunft im Lingener Langschmidtsweg verletzt worden.

Wie die Polizei bestätigte, hat ein 21-Jähriger aus dem dritten Stock eines Mehrfamilienhauses an der Langenbielauer Straße aus 40 Meter Entfernung mit einem Luftgewehr auf die erst vor Kurzem bezogene Unterkunft geschossen. Dabei wurden ein fünfjähriges Kind und ein 18-jähriger Mann am Bein getroffen. Beide wurden in ein Krankenhaus gebracht, konnten dieses nach ambulanter Behandlung jedoch wieder verlassen.

Erster Schuss nicht als solcher erkannt

Der erste Schuss, der ein mazedonisches Mädchen traf, fiel gegen 13.45 Uhr, wurde aber nicht als Schuss erkannt. Laut Polizei spielte die Fünfjährige im Sand, als sie eine Verletzung am Bein bemerkte. Da ihre Mutter geglaubt habe, ihre Tochter sei mit einem Stein beworfen worden, hätten die Flüchtlinge die Polizei informiert. Bei deren Eintreffen habe das Kind einen kleinen Verband getragen und schon wieder gespielt. „Für einen Schuss gab es zu dieser Zeit keinerlei Anzeichen“, so ein Polizeisprecher auf Nachfrage unserer Redaktion.

Zeuge beobachtet Schützen

Um 14.45 Uhr beobachtete dann ein Zeuge, wie aus dem Fenster einer Wohnung des Mehrfamilienhauses an der Langenbielauer Straße geschossen wurde. Bei diesem Schuss wurde der 18-jährige syrische Flüchtling getroffen. Das vom Zeugen benannte Fenster gehört zu einer Wohnung, in der ein 21-Jähriger lebt.

Staatsschutz ermittelt

Die Polizei hat die Wohnung des 21-Jährigen durchsucht und dabei ein Luftgewehr und dazugehörige Munition sichergestellt. Bei der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim ermittelt derzeit das Staatsschutzkommissariat, ob die Tat einen politisch motivierten Hintergrund hat. Nach Informationen unserer Redaktion soll der Tatverdächtige Verbindungen zur rechten Szene haben; der Sprecher der Osnabrücker Staatsanwaltschaft, Alexander Retemeyer, bestätigte „rechtsradikale Neigungen“. Auf den Vorfall vom Sonntag hatte zuerst die „Antifaschistische Aktion Lingen“ aufmerksam gemacht.

Tatverdächtiger auf freiem Fuß

Laut Staatsanwaltschaft befindet sich der Tatverdächtige nicht in Untersuchungshaft, sondern ist auf freiem Fuß. Oberstaatsanwalt Retemeyer begründete dies damit, dass keine Haftgründe vorlägen. „Da der Mann einen festen Wohnsitz hat, besteht keine Fluchtgefahr.“ Ein anderer Haftgrund wäre gegeben, falls es sich um ein Tötungsdelikt handeln würde. „Aber wir werden dem 21-Jährigen schwerlich nachweisen können, dass er mit einem Luftgewehr die Flüchtlinge töten wollte.“ Es werde wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Das Strafmaß dafür bewege sich zwischen sechs Monaten Freiheitsstrafe bis hin zu zehn Jahren.

Tatverdächtiger ist vorbestraft

Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Osnabrück ist der 21-jährige Tatverdächtige jedoch wegen Körperverletzung und Bedrohung insgesamt neunmal, bis auf einen Fall nach Jugendrecht, verurteilt worden. In diesen Verfahren habe das Gericht Zweifel an der Schuldfähigkeit des Mannes gehabt und ihn von einem Gutachter untersuchen lassen. Ergebnis: voll schuldfähig.

Farbanschlag im April

Bereits Ende April wurde das damals noch unbewohnte Flüchtlingswohnheim mit Farbe beschmiert . Ob ein Zusammenhang mit der aktuellen Tat besteht, ist unklar. Der oder die Täter der Farbschmierereien sind laut Polizeiangaben bislang nicht ermittelt worden.

Vertreter aus Politik und Gesellschaft reagierten mit Entsetzen auf die Tat.


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