Pflegeeltern stellen Buch in Lingen vor Tim aus Quakenbrück überlebte seine eigene Abtreibung

Tim ist der Junge, der seine eigene Abtreibung überlebte. Als „Oldenburger Baby“ wurde er zum Symbol in der Debatte um späte Schwangerschaftsabbrüche. Foto: Familie GuidoTim ist der Junge, der seine eigene Abtreibung überlebte. Als „Oldenburger Baby“ wurde er zum Symbol in der Debatte um späte Schwangerschaftsabbrüche. Foto: Familie Guido

Lingen. Der Tag, an dem Tim zur Welt gekommen ist, sollte sein Todestag sein. Seine Mutter entschied sich im sechsten Monat für eine Spätabtreibung. Keiner hatte damit gerechnet, dass Tim überleben wird – und doch hat er es geschafft. Bald feiert Tim aus Quakenbrück seinen 19. Geburtstag und seine Pflegeeltern wollen mit einem Buch aufzeigen, wie wertvoll das Leben trotz einer Behinderung ist.

Von Julia Mausch


Bernhard und Simone Guido wollten ein Kind adoptieren. Ein Mädchen. Und noch ein Kriterium hatte das Ehepaar: Das Kind sollte nicht behindert sein. Heute, 18 Jahre später, hat das sympathische Paar fünf Kinder, drei davon haben Trisomie 21, besser bekannt als das Down-Syndrom. 

Einer unter ihnen ist Tim. Tim ist ein aufgeweckter Junge, er lacht, spielt mit seiner Frisbee-Scheibe oder seinem Hund Theo. Kurzum, der mittlerweile 18-Jährige ist glücklich – seine Brüder Marco und Pablo würden ihn vermutlich als den glücklichsten Menschen bezeichnen. „Er spielt mit uns ständig Streiche“, sagt Simone Guido, als sie am Freitagabend im Ludwig-Windthorst-Haus in Lingen sitzt und von ihrem Leben mit ihrem Pflegekind berichtet. Gerne sperrt Tim sie aus, wenn sie mal kurz im Garten was erledigen will, sagt sie. Dann steht Tim hinter der Tür und lacht. Simone Guido muss in diesen Situationen um das Haus laufen, um durch den Hauseingang wieder ins Innere zu gelangen. „Dann begrüßt mich Tim mit einer Verbeugung und einem Luftkuss.“ Während Simone Guido von diesen alltäglichen Situationen erzählt, ist in ihren Augen zu sehen, wie stolz sie auf den Jungen ist. Eine tiefe Liebe ist zu spüren, die ihren Anfang 1997 nahm. 

"Er spielt uns ständig Streiche", erzählt Tims Pflegemutter Simone Guido. Foto: Julia Mausch 


Der Sommertag im Jahr 1997, an dem Tim zur Welt gekommen ist, sollte eigentlich sein Todestag sein. Seine Mutter erfuhr in der 20. Schwangerschaftswoche, dass ihr ungeborenes Kind „eine Auffälligkeit“ aufwies. Eine Fruchtwasseruntersuchung ergab, dass der Junge, den die „Frau“, wie Simone Guido Tims leibliche Mutter bezeichnet, in ihrem Bauch trug, das Downsyndrom hat. „Panisch und ablehnend“, habe Tims Mutter reagiert, womöglich auch, „weil sie unzureichend psychologisch betreut wurde“, sagt Guido. Für die Frau brach eine Welt zusammen. Zuvor hatte sie ein Kind kurz vor der Geburt verloren, jetzt würde sie einen Sohn mit einem Gen-Defekt zur Welt bringen, der eine geistige Behinderung mit sich bringt.
"Tim's Mutter hatte Selbstmordgedanken, als Sie von der Diagnose erfuhr"

Laut Simone und ihrem Mann Bernhard Guido haben Zeugen gesagt, Tims Mutter habe nach der Diagnose Selbstmordgedanken gehabt und sich deshalb für den Abbruch entschieden. Ein Abbruch nach der 14. Woche ist in Deutschland in diesen Fällen möglich. Dabei darf zwar seit 1995 nicht mehr die Behinderung des Kindes Ausschlag gebend sein, jedoch die Gesundheit der Frau. Besteht allerdings eine Gefahr für die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter, kann die Schwangerschaft auch noch nach der 22. Schwangerschaftswoche beendet werden.
So auch im Juli 1997. Ein paar Stunden nach der Fruchtwasseruntersuchung leiteten die Ärzte künstlich die Geburt ein, die 30 Stunden dauern sollte. Generell können Ärzte mit einer Kaliumchlorid-Spritze den Fötus bereits im Mutterleib töten. In Tims Fall verzichtete man aber auf diese Spritze. Die Ärzte vertrauten darauf, dass der Junge auf die Welt kommen und aufgrund der Anstrengungen und toxischen Medikamenten, die die Wehen einleiteten, innerhalb von zwei bis drei Stunden sterben würde. Es war gegen ein Uhr nachts, als Tim im Oldenburger Klinikum geboren wurde. Die Mutter wollte ihr Baby nicht sehen, die Pfleger brachten es weg. Als Tims Körper schon auf 28 Grad abgekühlt war, schnappte er noch nach Luft. „In den ersten Stunden verzeichnete man ein Mal die Minute eine Schnappatmung“, erzählt Pflegevater Bernhard Guido. Die Ärzte gingen davon aus, dass sie noch unregelmäßiger, weniger werden würde – doch genau das Gegenteil passierte. „Um drei Uhr nachts wurde Tims Haut rosiger und eine Stunde später steigerte sich die Schnappatmung auf fünf Mal die Minute.“ Gegen 6 Uhr, fünf Stunden nach seiner Geburt, bewegte Tim seine Arme und um 10 Uhr atmete er regelmäßig. 

Tim als Baby. Foto: Familie Guido 
In Absprache mit dem leiblichen Vater leiteten die Ärzte Maßnahmen ein und verlegten Tim auf die Intensivstation. Dort lernten auch Bernhard und Simone Guido den kleinen Jungen kennen. Das Jugendamt hatte das Ehepaar über den Jungen mit dem Down-Syndrom informiert. Unschlüssig fuhren die Quakenbrücker ins Klinikum, um einen kurzen Blick auf Tim zu werfen. Schließlich hatten sie sich ein gesundes Mädchen gewünscht. „Er sah lädiert aus, aber als wir seine blauen Augen sahen, stand die Entscheidung fest“, sagt Simone Guido. Zwei Monate lang unterzog sie sich einem Intensivkursus. „Ich wusste doch nicht, wie man mit einem behinderten Kind umgeht“, sagt die gelernte Lebensmitteltechnikerin, die damals bereits zwei eigene, gesunde Kinder hatte.



Bernhard und Simone Guido haben zwei weitere Kinder mit Down Syndrom aufgenommen: Naomie (12) und Melissa (16). Foto:  Ulrike Havermeyer



Das Leben der Guidos hat sich verändert, seit sie diese Entscheidung 1997 getroffen haben. Familie und Freunde haben damals gesagt: „Ihr seid verrückt.“ Heute würden sie das Paar bestimmt als „durchgeknallt“ bezeichnen, denn in den vergangenen Jahren haben sie weitere Pflegekinder aufgenommen, ebenfalls mit Down-Syndrom. Diese Entscheidung traf das Ehepaar nicht mal selbst. „Wir wollten vor zwölf Jahren ein Mädchen adoptieren, wieder ein gesundes“, sagt Simone Guido und lacht. Denn auch dieser Plan wurde zunichtegemacht – durch ihre eigenen Söhne. Diese seien damals in der Pubertät und komplett gegen eine Schwester gewesen. Dann aber ließen sie sich auf einen Kompromiss ein. „Wenn schon ein Mädchen, dann soll sie wie Tim sein“, habe damals der älteste Sohn gesagt. 
„Tim kann unseren Familiennamen nicht annehmen, weil er krankheitsbedingt seinen Willen nicht äußern kann“ 


Seit zwölf Jahren lebt die mittlerweile 16-jährige Melissa mit im Haus der Guidos, seit einem Jahr die zwölfjährige Naomie. Die Mädchen wollen bald auch den Namen „Guido“ annehmen. Bei Tim machen die Krankheiten Probleme, die in den Stunden nach der Geburt entstanden. Sprechen hat der Junge bis heute nicht gelernt. „Deswegen kann er auch unseren Namen nicht annehmen, schließlich kann er seinen Willen nicht äußern“, erklären die Pflegeeltern. Seine leibliche Mutter hat Tim nie gesehen, im Alter von 41 Jahren verstarb sie. Sein leiblicher Vater schaute früher mehrmals im Jahr vorbei. Nachdem seine Frau 2005 starb, hat er nie wieder geklingelt.
Pflegevater Bernhard Guido. Foto: Mausch 
Tim ist liebevoll, zärtlich und hat ein sonniges Gemüt, aber er kann Emotionen nicht richtig einordnen und Grenzen nicht immer respektieren. Eine Delfintherapie hilft dabei, dass er eben das lernt. Auch seine beiden Schwestern nehmen daran teil. Von dem Erlös des Buches wollen die Guidos weitere Delfintherapien in Kalifornien, wo diese angeboten wird, bezahlen. Außerdem soll das Haus so ausgebaut werden, dass Melissa, Naomi und Tim irgendwann, wenn die Pflegeeltern sich nicht mehr um sie kümmern können, in Quakenbrück in einer betreuten Wohngemeinschaft leben können. Tim ist als „Oldenburger Baby“ in die Geschichte eingegangen und hat eine heftige Diskussion über ethische Grenzen, über Behinderungen und das Recht auf Leben entfacht. 
Tim ist kein kleiner Junge mehr. Im Juli wird er seinen 19. Geburtstag feiern, ein Jahr muss er noch zur Schule gehen, danach kann er in einen Beruf einsteigen. Eines ist klar: „Eine normale Ausbildung wird er nicht absolvieren können“, sagt seine Pflegemutter. Tim wird in einer Behindertenwerkstatt arbeiten. 

Neben der Delfintherapie gibt es auch Reitstunden für Tim. Foto: Ulrike Havermeyer 


"Tim lebt!" (Adeo-Verlag, 18,99 Euro) heißt das Buch, das Simone Guido und ihr Mann Bernhard gemeinsam mit der Journalistin Kathrin Schadt verfasst haben.

6 Kommentare