Geld für neuen Anzug Finderlohn macht einen Geizhals in Lingen glücklich

Von Werner Tonske

Eine üppige Belohnung gab es für Herbert, der die prall gefüllte Brieftasche dem Besitzer zurückgab. Foto: Susanne KatzoreckEine üppige Belohnung gab es für Herbert, der die prall gefüllte Brieftasche dem Besitzer zurückgab. Foto: Susanne Katzoreck

Lingen . Der Wonnemonat Mai ist ein beliebter Hochzeitsmonat. Auch in der Region Lingen. Wenn die Jahre ins Land gezogen und die Pärchen beisammengeblieben sind, flattern Einladungen zur Silberhochzeit ins Haus. Wie bei einem Lingener, der für dieses Fest einen neuen Anzug brauchte. Das Problem, wie unser Mitarbeiter Werner Tonske berichtet, war sein Geiz.

Herbert aus Lingen verhielt sich zum Konsum wie die meisten seiner Spezies, die um die 60 Jahre alt sind. Er brauchte nichts, er hatte alles - und er vertrat überdies die Auffassung, dass heutzutage jegliche Anschaffung viel zu kostenträchtig sei, als dass man sie sich leisten könne.

Hanna, die seit 30 Jahren mit ihm und seinem sprichwörtlichen Geiz verheiratet war, nahm ihm seine Ausreden in Erwartung der Silbernen Hochzeit ihrer Schwester, die im großen Stil begangen werden sollte, nicht ab. Herberts Garderobe war für solch ein festliches Ereignis schlichtweg nicht zu gebrauchen. Das war das Fazit ihrer Inspektion im Kleiderschrank. Ein neuer Anzug musste her.

Herbert winkte ab

Herbert winkte ab, als sie ihn darauf ansprach. Er brauche keinen neuen Anzug, weil er für die Silberhochzeit sowieso nicht zur Verfügung stünde. Schon, um nicht seinem aufgeblasenen Schwager begegnen zu müssen. Hanna fand das albern. Doch sie schmeichelte ihm, dass er im Vergleich mit dem Mann ihrer Schwester vortrefflich aussehe und er sich vor ihm nicht zu verstecken brauche. Trotzdem, ihr Göttergatte blieb bei seinem kategorischen „Nein!“

Der Termin rückte bedrohlich näher

Eine Woche war seitdem vergangen und die Hochzeit bedrohlich näher gerückt, als Hanna die Werbung eines Lingener Bekleidungshauses in die Hände fiel, welches bis zu 30 Prozent Nachlass wegen Geschäftsumbau anbot. Ein Angebot, das nur Ignoranten ausschlagen konnten, und gegen das Herberts Argumente wie Seifenblasen platzten. Überredet, aber nicht glücklich darüber, fügte er sich widerwillig.

Eine Verkäuferin von Format empfing das Ehepaar. Sie erkundigte sich nach den Wünschen der Herrschaften und begleitete diese dann zur Herrenabteilung im Obergeschoss. Geschickt fischte sie Einreiher und Zweireiher in Karo oder uni von der Stange, ließ sie den Kunden in den einen oder anderen Sakko schlüpfen, ohne auszulassen, dass gerade dieser oder jener Schnitt ihn ganz besonders hervorhebe. Mit viel Freundlichkeit und der Geduld tibetanischer Mönche umwarb sie den misstrauisch Zuhörenden.

30 Prozent Rabatt

Allein an dessen ständiger Fragerei nach den Preisen scheiterten all ihre Bemühungen. Herbert war fest entschlossen, nicht mehr als 150 Euro auszugeben. Die süß über die Lippen der Verkäuferin fließenden Angebote bewegten sich aber im Bereich zwischen 200 Euro und 300 Euro, nach Abzug von 30 Prozent Rabatt. Als schließlich mehr als ein Dutzend vorgeführter Anzüge am Veto des Sperrigen gescheitert waren, warf die Verkäuferin einen Beistand suchenden Blick zur Gattin des Kauf-Verweigerers. Diese hatte sich indessen längst für einen anthrazitfarbenen Anzug aus reiner Schurwolle, geschnitten im Vier- Knopf-Style mit Rückenschlitz, die Hose ohne Umschlag, geschnitten im Fünf-Pocket-Style, zum Preis für 300 Euro entschieden. Den und keinen anderen sollte Herbert bekommen!

Geld im Anzug

Missmutig probierte der den Anzug an. Es folgte ein erstaunter Ausruf, als er eine Brieftasche in der Hand hielt. Er hatte sie in der Innentasche gefühlt. Als ehrlicher Mensch gab er die Geldbörse der Verkäuferin, die die großen Geldscheine darin zählte. Danach strahlte sie den Nichtverstehenden an. „Jetzt gehen Sie mal ganz schnell zur Bank gegenüber. Dort wurde einem Kunden diese Brieftasche mit 5500 Euro Inhalt vor einigen Tagen gestohlen“. Wie Herbert weiter erfuhr, floh der Dieb ins Geschäft, wo er die Brieftasche offenbar in dem Anzug versteckt hatte. Der Bestohlene hat eine Belohnung von 550 Euro für den Finder ausgesetzt.

Freude war groß

Verständlich, dass in der Bank die Freude über den Fund des gestohlenen Geldes groß war. Noch größer aber war sie bei den Überbringern. Besonders bei Herbert, der nun nichts mehr gegen den anthrazitfarbenen Anzug aus reiner Schurwolle einzuwenden hatte, den er kostenlos bekam und mit dem er bei der Hochzeitsfeier die Aufmerksamkeit der Hochzeitsgäste auf sich zog.


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