Boni und DRK entschuldigen sich Zwei Stunden zu spät den Rettungsdienst gerufen

Rettungswagen stehen vor der Notaufnahme des Bonifatius-Hospitals in Lingen. Foto: Ludger JungeblutRettungswagen stehen vor der Notaufnahme des Bonifatius-Hospitals in Lingen. Foto: Ludger Jungeblut

Lingen. Nach einem Infarkt ist eine schnelle medizinische Versorgung wichtig. Nach schlechten Erfahrungen in der Notaufnahme im Lingener Bonifatius-Hospital am Tag zuvor hat die Familie von Rudolf Schwis aus Spelle am 3. Januar aber erst zwei Stunden nach Eintreten akuter Beschwerden den Notarzt gerufen. Möglicherweise zu spät, wie die Familie heute vermutet.

Am 19. Januar ist der 70-Jährige nach einem Herzinfarkt im Mathias-Spital in Rheine gestorben. „Wir wollen dem Bonifatius-Hospital und dem Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes nicht schaden, aber beim Umgang mit unserem verstorbenen Vater ist einiges schief gelaufen. Und aufrütteln oder etwas verändern kann man nur, wenn man solche Ereignisse auch öffentlich macht.“ Rudolf Schwis‘ in einer Gemeindeverwaltung arbeitende Tochter Melanie Sander, ihre Mutter, ihre Geschwister und deren Partner haben sich den Gang an die Öffentlichkeit nicht leicht gemacht und lange im „Familienrat“ über das weitere Vorgehen diskutiert. Nach einem Bericht in der Lingener Tagespost über die Vorwürfe einer Flüchtlingsbetreuerin zum Umgang mit einer schwangeren Frau aus Syrien in der Klinik entschieden sie aber, ihre Erlebnisse öffentlich zu machen. „Mein erster Gedanke war, dass es uns in der Notaufnahme ähnlich ergangen ist“, schreibt Melanie Sander und berichtet vom Leidensverlauf ihres Vaters.

Schmerzen in der Schulter

„Am Samstagabend (2. Januar) ging es meinem Vater schlecht. Er hatte sehr starke Schmerzen in der rechten Schulter, klagte über Übelkeit und hatte kalte Schweißausbrüche. Daraufhin haben wir gegen 22.30 Uhr die Notrufnummer 112 angerufen. Mit einem DRK-Rettungswagen aus Lünne wurde er in das Bonifatius-Hospital gebracht. Trotz seines schlechten körperlichen Zustandes wurde mein Vater dort zu Fuß zum Röntgen geschickt. Dort angekommen, wurde er von einem Mitarbeiter der Röntgenabteilung zunächst gefragt, ob er denn wohl wüsste, wie spät es eigentlich sei.“

Kein Notfall?

Die Geschwister fuhren währenddessen ebenfalls ins Lingener Krankenhaus. „Dort wurde uns mitgeteilt, dass man für den Vater keinen Rettungsdienst hätte rufen müssen. Er sei kein Notfall. Durch solche Einsätze würden die Krankenkassenbeiträge steigen, ein Einsatz würde schließlich 400 Euro kosten. Beim nächsten Mal sollte man bedächtiger sein und noch einmal genau abwägen, ob der Rettungsdienst auch wirklich gerufen werden muss“ – aus Sanders heutiger Sicht eine Aussage mit möglicherweise fatalen Folgen. Daraufhin haben sie dem Krankenhauspersonal und dem behandelnden Arzt auch erklärt, dass ihr Vater nicht mehr in der Lage gewesen sei, selbstständig in die Notaufnahme zu gelangen.

Stationäre Aufnahme abgelehnt

Nach Behandlung der Schulterschmerzen mit den symptomatischen Schweißausbrüchen und der Übelkeit hat der behandelnde Arzt nach Aussage des Bonifatius-Hospitals auch die stationäre Aufnahme von Rudolf Schwis vorbereitet, diese habe der Patient aber ausdrücklich abgelehnt. „Wir haben den Patientenwillen respektieren müssen, da keine Betreuungsvollmacht vorlag und Rudolf Schwis bei vollem Bewusstsein war“, erklärte eine Sprecherin der Klinik das Vorgehen. „Daraufhin haben wir mehrmals auf die schlechte Verfassung meines Vaters aufmerksam gemacht. Der Arzt erklärte jedoch, dass unser Vater selbst entscheiden könne, ob er bleiben wolle. Aber wie war wohl die Entscheidung meines Vaters nach den vorangegangenen Bemerkungen? Er wollte nach Hause, weil man ihn nicht ernst genommen hatte. Und wir als Angehörige wurden auch gar nicht darüber informiert, dass eine stationäre Aufnahme überhaupt geplant war. In diesem Fall hätten wir noch mit unserem Vater gesprochen und versucht, ihn umzustimmen“, berichtet Sander weiter.

Folgenschwerer Herzinfarkt

So fuhren alle wieder nach Hause nach Spelle. Nur einen Tag später ging es Rudolf Schwis wieder schlecht. „Dieses Mal verstärkten sich die Symptome, er klagte zudem über Atemnot. Als meine Mutter den Notarzt rufen wollte, wiegelte mein Vater mit den Worten ab: Du weißt ja, nicht sofort den Rettungsdienst rufen….“ Wie später im Mathias-Spital in Rheine diagnostiziert wurde, erlitt der Vater in dieser Nacht auf den 4. Januar einen folgenschweren Herzinfarkt. Nachdem sich der Zustand nach weiteren zwei Stunden weiter verschlechterte und er hyperventilierte, ließen sie ihn in eine Tüte ein- und ausatmen. „Unser Vater wollte das selbst, weil er dies in einem Bericht eines Gesundheitsmagazins gehört hatte. Das war, wie wir heute wissen, falsch. Aber wir sind medizinische Laien und dachten, dass wir richtig handeln“, berichtet Melanie Sander.

Daraufhin rief die Familie schließlich doch den Notarzt. „Als die Rettungsassistenten des Deutschen Roten Kreuzes ankamen und wir den Sachverhalt erklären wollten, teilten sie uns sofort mit, dass sie bereits über den Vorfall der vorangegangenen Nacht informiert seien. Aber anstatt beruhigend auf ihn einzuwirken, schimpften sie ihn aus mit den Worten: Sind sie denn verrückt in eine Tüte zu atmen? Das ist das Schlimmste, was sie machen konnten. Die Angehörigen waren entsetzt, und auch mein Vater schaute die Rettungsassistenten danach und aufgrund des geäußerten Verdachts auf eine Lungenembolie verunsichert und ängstlich an.“

Herzstillstand

Schließlich musste ihr Vater trotz des zunehmend schlechteren Zustandes die Treppe ins Erdgeschoss hinuntergehen. „Und obwohl er den Rettungsassistenten mehrfach mitteilte, dass er dazu nicht mehr in der Lage sei, wurde ihm sehr deutlich gemacht („motiviert“), sich zusammen zu reißen. Unten angekommen wurde er beim Hineinschieben der Trage in den Rettungswagen bewusstlos und erlitt einen Herzstillstand, wurde reanimiert und rund 30 Minuten vor Ort behandelt.“ Von dem Herzinfarkt erholte sich Rudolf Schwis aber nicht wieder, und er starb rund zwei Wochen später im Mathias-Spital.

Rudolf Schwis Ehefrau hatte noch vor dem Tod ihres Mannes versucht, den Leiter der Notaufnahme des Bonifatius-Hospitals über den weiteren Krankheitsverlauf ihres Mannes zu unterrichten. Er und auch sein Stellvertreter waren allerdings zu diesem Zeitpunkt telefonisch nicht zu erreichen. Man vereinbarte vielmehr einen späteren Anruf der Ehefrau, ein Verweis an den für Beschwerden zuständigen Mitarbeiter im Bonifatius-Hospital erfolgte allerdings nicht.

Persönliche Gespräche

Inzwischen hat ein persönliches Gespräch der Familie Schwis mit Vertretern der Klinik aber stattgefunden. „Es war ein sehr gutes Gespräch. Unsere Sorgen und Empfindungen wurden ernst genommen. Sie haben sich für die Aussagen uns und meinem Vater gegenüber auch entschuldigt, die hätten so nicht fallen dürfen. Und dies soll auch intern thematisiert werden“, erklärte Melanie Sander einen Tag nach dem Gespräch auf Nachfrage unserer Redaktion. Und auch ein Vertreter vom Kreisverband Emsland des Deutschen Rotes Kreuzes hat sich laut Frau Sander inzwischen bei der Familie gemeldet und sich vorab für die „vielleicht etwas deutlichen“ Äußerungen der Sanitäter entschuldigt. Mitte kommender Woche soll zudem ein klärendes Gespräch von DRK-Vertretern mit der Familie Schwis/Sanders stattfinden.

„Mir ist bewusst, dass überall Menschen arbeiten und Fehler geschehen können. Bei allem Verständnis für Stresssituationen dürfen manche Sätze aber einfach nicht fallen. In unserem Fall ist der Notarzt dadurch am zweiten Tag vermutlich zu spät gerufen worden und vielleicht deshalb unser Vater gestorben. Unser Bericht bringt unseren Vater nicht wieder. Wir wollen aber erreichen, dass die im Rettungsdienst, in der Notaufnahme oder an sonstigen Stellen mit Menschen in Not umgehenden Personen noch einmal in sich hineinhorchen und wieder aufmerksamer und achtsamer werden in ihrem täglichen Umgang mit dem Menschen.“


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