Ultraschall auf Farsi Lingener Studentin dolmetscht für Flüchtlinge

Ohne Lida Mehri als ehrenamtliche Dolmetscherin könnte die Ärztin ihre afghanische Patientin nicht so gut behandeln. Foto: Wilfried RoggendorfOhne Lida Mehri als ehrenamtliche Dolmetscherin könnte die Ärztin ihre afghanische Patientin nicht so gut behandeln. Foto: Wilfried Roggendorf

Lingen. Die 20-jährige Lida Mehri studiert auf dem Campus Lingen Kommunikationsmanagement. Und sie hilft ehrenamtlich, damit 170 afghanische Flüchtlinge in Lingen mit Behörden und Ärzten kommunizieren können.

Als Mehri 1996 in der Nähe von Bremen zur Welt kam, waren ihre Eltern gerade erst in Deutschland angekommen. Hochschwanger hatte ihre Mutter mit der Familie die Flucht aus Afghanistan nach Deutschland angetreten. „Mit meinen Eltern spreche ich Farsi“, erklärt Mehri, wieso sie die afghanische Landessprache perfekt beherrscht – zumindest fast: „Bestimmte medizinische Fachausdrücke kannte ich auf Farsi nicht, bevor ich im Dezember mit dem Dolmetschen für den SKM begonnen habe“, sagt sie. Doch jetzt ist „maunee talwisuni“ für Mehri ein geläufiger Begriff, wenn sie einer schwangeren Afghanin beim Arztbesuch erklärt, dass dieser nun eine Ultraschalluntersuchung machen wird.

Untersuchung abgebrochen

Wobei Mehri die Erfahrung gemacht hat, dass es nicht nur wegen der Sprache manchmal schwierig ist. Einmal hat sie eine Schwangere zu einem männlichen Frauenarzt begleitet: „Doch die Frau hat die Untersuchung abgebrochen.“ Und dies habe nichts mit kulturellen oder religiösen Unterschieden zu tun. „Ich kenne auch deutsche Mädchen, die das nicht wollen.“

Ultraschall heißt „maunee talwisuni“

Mehri hat dann selbst die Initiative ergriffen und eine Frauenärztin für die Schwangere gesucht. Bereits eine Woche später hatte sie einen Termin. „Jetzt sehe ich bei ‚maunee talwisuni‘, dem Ultraschall, das Kind bei jeder Untersuchung mit wachsen.“ Die Afghanin habe schon zwei Fehlgeburten hinter sich. „Bis jetzt läuft aber alles gut. Noch eine Fehlgeburt von ihr würde auch mich treffen“, beschreibt die 20-Jährige, wie nahe sie trotz aller Distanz beim Dolmetschen ihren Schützlingen ist.

Hören, was Patienten sagen

Die Frauenärztin lobt Mehri: „Sie macht ihre Arbeit sehr freundlich, sehr ruhig und sehr gut.“ Ohne Mehri und die anderen ehrenamtlichen Dolmetscher des SKM wäre die Arbeit schwieriger: „Es ist wichtig, zu hören, was die Patienten zu sagen haben. Das geht über die rein technische Untersuchung hinaus“, betont die Ärztin.

Überraschende Momente

Doch es gibt beim Dolmetschen auch überraschende Momente für Mehri: „Bei einem Augenarzt sollte ein Afghane Buchstaben vorlesen. Schnell habe ich gemerkt, dass er nur geraten hat, weil er mit den lateinischen Schriftzeichen völlig unsicher war“, berichtet Mehri. Der Arzt habe dann für den Sehtest Symbole statt der Buchstaben verwendet.

Unangenehme Situationen

Manchmal fühlt Mehri sich auch unangenehm: „Eigentlich wollte ich einen jungen Mann nicht zum Urologen begleiten“, sagt sie. Da aber kein anderer Dolmetscher greifbar war, der Farsi spricht, habe sie dann doch zugesagt. „Es war gut, dass die Ehefrau dabei war“, sagt Mehri. „Aber völlig fremden Menschen zu sagen, dass ihr Kinderwunsch deshalb unerfüllt bleibt, weil die Spermienzahl des Mannes zu gering ist, fiel mir schon schwer.“ Obwohl die Situation für das Paar unangenehmer war als für sie selbst, glaubt Mehri. „Ich habe mich mittlerweile etwas an solche Situationen gewöhnt, fühle aber immer noch mit.“

Fünf Dolmetscher für 170 Afghanen

Feingefühl zu besitzen, sehr zuverlässig und den Menschen zugewandt zu sein, bescheinigt auch Christina Johanning; Sozialarbeiterin des SKM, Mehri. „Sie spricht zudem eine der bei uns meistgesuchtesten Sprachen. Für 170 Afghanen haben wir nur fünf Dolmetscher.“ Und die hätten, wie alle anderen Ehrenamtlichen auch, noch ein Leben außerhalb des Ehrenamtes.

Mehri: Sprache ist das Wichtigste

Für Mehri, die auch regelmäßig in einer Wohngemeinschaft von minderjährigen Flüchtlingen in Osnabrück dolmetscht, hat ihre ehrenamtliche Tätigkeit durchaus etwas mit ihrem Studium zu tun. „Ich merke jedes Mal, dass der im ersten Semester gelernte Satz des Soziologen Paul Watzlawick: ‚Man kann nicht nicht kommunizieren‘ stimmt.“ Und wenn es mit Händen und Füßen oder der Mimik gehe. „Aber die Sprache ist das wichtigste Mittel.“

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