Kritik einer Betreuerin Sind Flüchtlinge in Lingen schlecht behandelt worden?

Von Carsten van Bevern

Schlecht behandelt fühlte sich eine Flüchtlingsbetreuerin im Bonifatius-Hospital in Lingen, in das sie eine schwangere Frau gebracht hatte. Foto: Ludger JungeblutSchlecht behandelt fühlte sich eine Flüchtlingsbetreuerin im Bonifatius-Hospital in Lingen, in das sie eine schwangere Frau gebracht hatte. Foto: Ludger Jungeblut

Lingen. Ist ein in einer Lingener Flüchtlingsunterkunft und in Kürze ein Kind erwartendes Pärchen im Bonifatius-Hospital und im Sozialamt der Stadt ungerecht und barsch behandelt worden? Deren ehrenamtliche Betreuerin Houda Knemeyer berichtete auf der jüngsten Ratssitzung von zwei Vorfällen, die Betroffenheit im Rat war groß. „Wir werden dem nachgehen“, versprach Oberbürgermeister Dieter Krone.

Houda Knemeyer wohnt seit fünf Jahren in Lingen neben einer Flüchtlingsunterkunft. Und sie spricht Arabisch. „Von daher unterstütze ich die Flüchtlinge, ich bin eigentlich jeden Tag dort. Jetzt habe ich aber schlechte Erfahrungen gemacht, davon würde ich hier gerne berichten“, erklärte die junge Frau am Mittwochnachmittag auf der Sitzung des Stadtrates. Rund 20 Minuten berichtete sie über ihre Erlebnisse mit dem jungen Paar im Lingener Krankenhaus und im Rathaus. Und obschon die Einwohnerfragestunde eher für Fragen an die Verwaltung und weniger für Berichte gedacht ist, unterbrach niemand ihren Vortrag.

Hilfe für schwangere Frau

Sie sei in der Nacht zum 3. März vom Ehemann geweckt worden, seine schwangere Frau schreie vor Schmerzen, ob sie helfen könne? Sie half und brachte beide zur Notaufnahme ins Krankenhaus. „Das Erste, was man dort zu mir sagte, war, dass ich mein Auto von der Notzufahrt wegfahren soll. In dem die vor Schmerzen schreiende Frau saß“, berichtete Houda Knemeyer. Nach einer Diskussion habe man ihr schließlich einen Rollstuhl gebracht. „Ich sollte die Frau dort reinhieven – und mein Auto wegfahren.“

Verweis auf Youtube

Mehrere Tage sei die Frau dann im Boni behandelt worden. „Bei der Abholung fragte ich dann auf der Station, wie es weitergeht und ob sie mir einen Arzt oder Hebamme vermitteln oder empfehlen könnten“, berichtete Knemeyer weiter. Das sei nicht ihre Aufgabe und kurzfristig sowieso sehr schwierig, sei jeweils die Antwort gewesen. Und wenn sie ihr Kind bekommt? Sie könne ja im Internet auf Youtube nachsehen, was man dann tun muss. „Ich fand das alles sehr erschreckend.“ Schließlich habe ihre eigene Frauenärztin die Betreuung der Schwangeren übernommen. Und sie hat ihre Erlebnisse in einem Brief an das Bonifatius-Hospital niedergeschrieben.

Krankenschein für ein Quartal gültig

Für den Besuch eines Arztes benötigt jeder Flüchtling einen vom Sozialamt ausgestellten Krankenschein. Also fährt sie mit beiden ins Lingener Rathaus, ein paar Minuten später habe der Mann sie angerufen. „Ich habe schon am Handy Geschrei gehört.“ Sie schmeißen uns raus, habe er erklärt. „Sie sind dort respektlos behandelt worden.“ Jede Woche sei das Paar dort, um Überweisungen zu bekommen. „Die Frau wird ein behindertes Kind zur Welt bringen. Ist es da nicht klar, dass man öfter zum Arzt muss?“, fragte die junge Frau in die Ratsrunde.

Gesprächsangebote

„Ich kann dazu jetzt nichts sagen, wir werden dem aber natürlich nachgehen“, bot Oberbürgermeister Dieter Krone der jungen Frau sofort ein Gespräch an. Ein Gespräch mit der ehrenamtlich tätigen Flüchtlingsbetreuerin bietet auch der für diesen Bereich bei der Stadt zuständige Fachbereichsleiter Jugend, Arbeit und Soziales, Günter Schnieders, in einem Gespräch mit unserer Redaktion an: „Die Familie ist hier im Haus aber sicher nicht angeschrien worden, da muss es sich um ein Missverständnis handeln.“

Auch das Bonifatius-Hospital hat inzwischen reagiert. „Der Leiter im Meinungsmanagement ist heute aus dem Urlaub gekommen, hat den Brief gesehen und Frau Knemeyer sofort angerufen“, erklärte eine Sprecherin der Klinik auf Nachfrage unserer Redaktion am Donnerstag. Am kommenden Montag, 21. März, wollen beide sich treffen. Zudem sei der Leiter der Zentralen Notaufnahme über die Vorwürfe informiert worden. „Wir nehmen jede Beschwerde sehr ernst.“


Wenn ein Flüchtling krank wird

Bei akuten Erkrankungen und Schmerzen hat nach Paragraf 4 des Asylbewerberleistungsgesetzes jeder Flüchtling Anspruch auf eine erforderliche ärztliche Behandlung, eine Versorgung mit Zahnersatz erfolgt aber nur, wenn dies im Einzelfall aus medizinischen Gründen unaufschiebbar ist.

Vor dem Aufsuchen eines Arztes muss sich jeder Flüchtling im Sozialamt seiner Gemeinde einen Krankenschein ausstellen lassen – dieser ist, anders als noch vor rund einem Jahr, auch für ein Quartal und nicht nur für eine Untersuchung gültig. Facharztbehandlungen werden anders als noch vor einem Jahr auch nur noch in wenigen Ausnahmefällen vom zuständigen Gesundheitsamt überprüft. Abgerechnet werden die Behandlungen durch die kassenärztliche Vereinigung beziehungsweise die Stadt.

Nach einem 15-monatigen Aufenthalt erfolgt die Anmeldung bei einer gesetzlichen Krankenkasse, die Person bekommt eine Versichertenkarte und die Abrechnung erfolgt über die Krankenkasse. „Von daher ist das Verfahren für die Flüchtlinge schon deutlich vereinfacht worden“, erklärte Günter Schnieders, Fachbereichsleiter Jugend, Arbeit und Soziales bei der Stadt Lingen.

Die Einführung einer vom Land favorisierten Gesundheitskarte für alle Flüchtlinge hat der Niedersächsische Städte- und der Landkreistag aufgrund befürchteter Kostensteigerungen sowie einer den Kommunen „aufgedrückten Verwaltungskostenpauschale von acht Prozent“ abgelehnt.