Schüler zeigt große Empathie Neunjähriger Hamza aus Lingen schreibt über Flucht

Von Christiane Adam


Lingen. „Der tapfere Junge auf der Flucht“ – so lautet der Titel des kleinen Buches, das Hamza Abu Shammala aus der Klasse 4b der Lingener Matthias-Claudius-Schule im Rahmen des Projektes „in vierzehn Tagen ein Buch schreiben“ erstellt hat.

„Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie es wohl ist, wenn man flüchtet und wie viel Mut man dazu braucht. Ich glaube, man braucht sehr viel Mut“, begründet der neunjährige Schüler seine Themenwahl.

Er fürchtet, dass einige Menschen dies nicht respektieren, grübelt er. Hamza ist ein nachdenklicher Junge. Er selber muss zum Glück keine traumatischen Flucht- oder Kriegserlebnisse verarbeiten, denn der Sohn eines palästinensischen Ehepaares wurde in Berlin geboren. Dennoch beschäftigt er sich viel mit dem Thema Flucht.

Hamza als Dolmetscher

Dadurch, dass seine Familie sowohl Arabisch als auch Deutsch spricht, betätigen sich Hamza und auch seine Mutter als Dolmetscher. „Frau Abu Shammala hilft uns dabei, wenn wir mit den Eltern der Flüchtlingskinder sprechen. Wir haben jetzt extra einen Elternsprechtag für die Flüchtlinge angeboten, und Hamzas Mutter hat die Einladung auf Arabisch übersetzt“, freut sich Schulleiter Udo Kösters über die wertvolle Hilfe.

Flüchtlinge als Mitschüler

Elf Flüchtlingskinder besuchen derzeit die Grundschule an der Birkenallee. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan und dem Kosovo. Pro Kind stünden zwei bis drei Förderstunden zur Verfügung, ansonsten besuchen die Elf die Regelklassen. „Je früher Flüchtlingskinder beschult werden, desto besser ist es“, meint der Deutschlehrer. Im Grundschulalter bestünden die besten Chancen.

Die Art und Weise, wie die Stadt Lingen das Thema angeht, empfindet er als vorbildlich. Seine Schüler seien insgesamt sehr sensibilisiert für das Thema. Beim Adventsbasar kamen rund 1500 Euro zusammen, die dem Katholischen Verein für soziale Dienste in Lingen (SKM) übergeben wurden.

Buchprojekt im Deutschunterricht

Das Buchprojekt fand im Deutschunterricht der Klasse 4b statt, in der Kösters sowohl Klassen- als auch Deutschlehrer ist. Die Themenwahl war völlig frei; dass Hamza sich des ernsten Themas angenommen hat, hat ihn zwar nicht gewundert, wohl aber hat ihn beeindruckt, wie fesselnd er das Thema umgesetzt hat. „Ich fand das Buch total spannend. Als Hamza es der Klasse vorgelesen hat, hätte man eine Stecknadel fallen hören können“, beschreibt Kösters die Atmosphäre.

Geschichte von Mohamed

Worum geht es in dem Buch? Mohamed, ein vierzehnjähriger Junge aus Syrien, verliert nach einem Bombenangriff seine Eltern, seine sechs Geschwister und das Haus, in dem er bislang gewohnt hat. Er versucht zunächst, sich selbst mit einer kleinen Arbeit durchzuschlagen, aber von Trauer wie gelähmt kann er seiner Tätigkeit nicht wirklich nachgehen und wird gefeuert. Er beschließt zu fliehen. In großem Zweifel, ob es gut und richtig ist, sein Heimatland zu verlassen, in dem seine Familie gestorben ist, sucht er sich eine Ersatzfamilie, die ihn mit auf die Flucht nimmt. Großes Glück hat er, dass sich eine mildtätige Familie seiner annimmt. Auf einer lebensgefährlichen Flucht auf einem Schlauchboot, das vollkommen überfüllt Richtung türkische Küste fährt und bei dem auch einige Passagiere über Bord gehen und ertrinken, gelangt er schließlich in die Türkei. Von dort aus fährt er mit seiner neuen Familie im Zug nach Deutschland in der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Fast zu ernst für einen Viertklässler

Es ist eine dramatische Geschichte mit einem Happy End, fast zu ernst für einen Viertklässler. „Ich fand das Thema halt spannend und aktuell“, meint der junge Verfasser. „Hamza ist ein sehr reflektierter Junge. Er hinterfragt die Dinge kritisch und äußert das auch. Er kann Dinge, die ihm missfallen, sehr adäquat zur Sprache bringen.

Aber er kann auch Blödsinn machen. Und das ist auch gut so“, schmunzelt Schulleiter Kösters, dem man den Stolz auf seinen Schüler ansieht.

Am Wochenende besucht der Sohn eines Oberarztes den Arabisch-Unterricht beim Verein „Zusammenkunft der Kulturen in Meppen“, um dort seine Muttersprache zu verbessern und auch, um beim Dolmetschen zu helfen.

Fußball geht vor

Was aber sowohl Kösters als auch Hamzas Eltern wichtig ist: Wenn am Sonntag ein Fußballspiel von Hamzas Mannschaft Olympia Laxten stattfindet oder eine Geburtstagseinladung ansteht, geht das immer vor.