Treff der Diakonie Ein offenes Ohr gibt’s in Lingener „Backstube“ umsonst

Von Thomas Pertz

Weiterhin offen ist die Zukunft des Treffpunktes „Alte Backstube“ in Lingen. Foto: Thomas PertzWeiterhin offen ist die Zukunft des Treffpunktes „Alte Backstube“ in Lingen. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Unsicherheit herrscht unter den Ehrenamtlichen und den Besuchern des Treffpunktes „Alte Backstube“ in Lingen. Sie hoffen, dass es auch über den 31. März 2016 hinaus dort weitergeht.

„Jungs, Feierabend.“ Elke Bühner hat ihr Herz zwar auf dem rechten Fleck, doch kann sie auch recht resolut sein. Es ist kurz vor 18 Uhr an diesem Dienstagabend Uhr in der Baccumer Straße. Die Teestube „Alte Backstube“ schließt. Am nächsten Tag ist wieder offen. Auch am übernächsten. Aber auf Dauer? Diese Frage kann im Inneren keiner der Gäste beantworten. „Hier sind welche, die Angst davor haben, dass bald Schluss ist und sie nicht wissen, wohin sie dann gehen sollen“, sagt eine Frau am Tisch.

Zusammengesackt bei der Nachricht

Seit der Ankündigung der Diakonie des Kirchenkreises Emsland-Bentheim , den Treff schließen zu wollen, herrscht große Unsicherheit bei Ehrenamtlichen und Gästen des Treffs. Elke Bühner arbeitet seit neun Jahren ehrenamtlich in der Backstube. Von Anfang an dabei – seit 1988 – ist Margot Reich . Für diesen Einsatz im Diakonischen Werk ist sie 2013 mit dem Kronenkreuz in Gold ausgezeichnet worden. Geschäftsführerin Dorothea Währisch-Purz und Kirchenkreissozialarbeiterin Anne Coßmann-Wübbel hatten im Beisein von Superintendent Bernd Brauer vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Emsland-Bentheim die goldene Auszeichnung mit Urkunde der Diakonie überreicht.

Zwei Jahre später, im Oktober 2015, kam die Geschäftsführerin aus einem anderen Grund zur „Backstube“. Elke Bühner: „Sie ging mit uns nach hinten ins Nichtraucherzimmer und sagte, dass die Einrichtung zum 31. Dezember schließen würde.“ Die 67-Jährige erinnert sich noch gut daran, wie die zehn Jahre ältere Reich förmlich zusammengesackt war bei der Nachricht. „Wir waren fertig und völlig sprachlos“, betont Bühner.

Proteste und Unterschriftensammlungen

Seitdem sind einige Wochen vergangen. Es gab Proteste, Unterschriftensammlungen, Sitzungen und Diskussionen wie zuletzt vergangenen Freitag in der Kreuzkirche. Die Backstube schloss nicht zum Jahresende. Noch ist alles in der Schwebe.

 Im vorderen Raum, in dem geraucht werden darf, ist es Dienstagabend voll. Im hinteren Nichtraucherzimmer sitzen drei junge Leute und trinken ihren Tee. „Hier darf jeder so sein, wie er will und es wird auch nicht gleich gefragt, ob er Hilfe braucht“, beschreibt ein Gast das, was ein Sozialarbeiter „niederschwelliges Angebot“ nennen würde.

Nicht nur sozial schwächere Besucher

Also sitzen hier eben Menschen mit Suchtproblemen – und wenn es „nur“ das Rauchen ist. „Jeder wird so akzeptiert, wie er ist“, sagt der Gast. Deshalb darf die geistig gehandicapte Frau am Nebentisch ihre Meinung ebenso äußern wie ein anderer Gast, der mehr mit sich selbst redet. Die Menschen, die in der Nähe arbeiten und in der „Backstube“ ihren Kaffee trinken oder dienstags zu Mittag essen, sind natürlich auch willkommen. Eine Radfahrergruppe auf der Durchfahrt war ebenfalls schon da und nahm im Nebenzimmer Kaffee und Kuchen zu sich. Es sei immer von „sozial Schwächeren“ die Rede, wenn über die Besucher der Alten Backstube gesprochen werde, sagt Bühner. Das stimme aber gar nicht. Anwälte kämen vom nahegelegenen Amtsgericht ebenso auf einen Sprung vorbei wie Studenten oder andere junge Leute.

Keine geschlossene Gesellschaft

Oder Horst, der in Lohne wohnt und seit vielen Jahren Stammgast in der Backstube ist. Die ist wie eine große Familie, aber keine geschlossene Gesellschaft. Er komme schon seit 2004 hierher, erzählt Horst, während Elke Bühner neuen Kaffee einschenkt. Die Preise für Essen und Trinken sind niedrig. Umsonst gibt es in der Baccumer Straße ein offenes Ohr – was für viele aber eine ganze Menge ist.

Warme Socken und Schals gestrickt

Finanzielle Defizite, wie sie in den letzten zwei Jahren in der Alten Backstube entstanden sein sollen, seien in all den Jahren zuvor nie angefallen, betont Margot Reich. Es sei sogar immer ein kleines Plus erwirtschaftet worden. Sie kocht, betreut die Gäste wie Elke Bühner, strickte auch schon warme Socken und Schals für sie.

 „Ich finde es gut, dass ich hier wie ein Mensch behandelt werde, auch mit meiner Behinderung“, sagt die Frau am anderen Tisch etwas stockend, aber unmissverständlich. „Wir wollen, dass dieses Angebot in Lingen erhalten bleibt, denn es ist wichtig in der Stadt“, meint ein anderer Gast.

Mehr Ehrenamtliche, die in der Alten Backstube mithelfen könnten, das wäre gut, erklärt Bühner. „Aufgeben tun wir nicht“, sagt sie.

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