Wohngruppe in Waldstraße Junge Flüchtlinge in Lingen: Kindheit hatten sie nicht

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Lingen. Sie haben den Tod gesehen – im Maschinengewehrfeuer, auf der Flucht im Schlauchboot über das Mittelmeer oder auf der Landroute. Sie waren Tage, Monate, mitunter auch Jahre unterwegs. Allein, ohne Eltern. Jetzt können sie in der Waldstraße in Lingen zur Ruhe kommen. Zwölf Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren. Drei Buchstaben, UMF, die für „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ stehen, umschreiben diese Gruppe von Migranten. In Lingen wagen sie einen Neustart.

Es ist die erste Wohngruppe dieser Art im Emsland, in der ausschließlich minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern leben. Betreut werden sie von den Fachkräften der Werkstatt für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Alleiniger Gesellschafter ist das Christophorus-Werk in Lingen. Der Bedarf für solche Gruppen ist groß. Klazina Hartholt, Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe, gibt Zahlenschätzungen wieder, wonach in diesem Jahr rund 20000 minderjährige Flüchtlinge ohne Begleitung nach Deutschland kommen werden. Ein Gesetzentwurf zur Regelung einer bundesweiten Unterbringung sei in Vorbereitung.

Stefan Robben klopft an die Tür eines 16-jährigen Jungen, der aus Eritrea stammt. Robben kommt gebürtig aus Haren. Der 31-jährige Teamleiter hat ein Jahr in Ghana gelebt und zehn Jahre in Berlin-Neukölln. Dort hat er in der Rütli-Schule gearbeitet: hoher Ausländeranteil, einst „Deutschlands schlimmste Schule“ und nun ein Vorzeigeprojekt. Robben ist erfahren in der Arbeit mit jungen Ausländern, ebenso wie weitere Fachkräfte an der Waldstraße.

Der junge Mann aus Eritrea öffnet die Tür. Aus keinem Land Afrikas kommen nach UNO-Angaben so viele Flüchtlinge nach Europa wie aus Eritrea. Der UNO-Menschenrechtsrat wirft dem Regime in dem afrikanischen Land willkürliche Hinrichtungen und systematische Folter vor. Der 16-Jährige hat gerade am Schreibtisch gesessen, lernt deutsche Vokabeln. Die Sprachbarriere überwinden zu helfen ist eine zentrale Aufgabe derer, die sich um diese ungewöhnliche WG bemühen.

Clearingstelle

Hartholt und Robben kennen die Biografie des jungen Mannes. „Eine Kindheit hat er nicht erlebt“, sagt der Sozialpädagoge. Unterstützt von Dolmetschern, haben sie alle Jugendlichen in der Wohngruppe interviewt. Die WG in der Waldstraße dient gleichzeitig als sogenannte Clearingstelle. In diesem Rahmen wird der gesundheitliche, emotionale und geistige Entwicklungsstand der jungen Flüchtlinge überprüft. „Manche haben noch nie eine Schule besucht, andere die zehnte Klasse gemacht“, erläutert die Leiterin der Kinder- und Jugendhilfe. ,„Wir klären mit ihnen die persönlichen Ressourcen und Alltagskompetenzen und vermitteln alle lebenspraktische, soziale und kulturelle Fähigkeiten. So soll ihnen Orientierung und Integration in ihrem neuen Lebensumfeld und in Deutschland ermöglicht werden.“

Die Jugendlichen in der Waldstraße sind alle männlich. „Zu 90 Prozent fliehen Jungen“, berichtet Hartholt. Die Eltern sind den Berichten der Jugendlichen zufolge tot, mit ihnen geflohen und wurden auf der Flucht getrennt oder sie sind im Heimatland geblieben. Die Söhne haben dann ohne oder auch mit ihrer Erlaubnis die Flucht angetreten. Oft haben die Familien den Berichten zufolge alles, was sie haben, verkauft, um einem von ihnen die Flucht zu ermöglichen. Und dadurch vielleicht auch später einmal den Nachzug der Familie. „Da liegt eine ungeheure Last auf den Schultern der Jugendlichen, die den Erwartungsdruck der Eltern im Heimatland spüren“, sagt Hartholt.

Jeans, T-Shirt, Turnschuhe, das Smartphone in der Hand: Die jungen Flüchtlinge aus den Bürgerkriegsländern haben, von der Hautfarbe abgesehen, auf dem ersten Blick viel mit deutschen Jugendlichen gemeinsam. „Müssen die denn ein Handy haben?“, lässt sich so mancher Gesichtsausdruck von Bürgern auf der Straße deuten, die Flüchtlingen begegnen. Hartholt: „Das Handy ist aber ihre einzige Möglichkeit, mit der Familie in Kontakt zu bleiben. Sie haben es auf der Flucht zur Navigation benutzt. Sie brauchten es zum Überleben. Ansonsten haben sie oft nur das, was die am Körper tragen“.

Die Verletzungen und Narben unter T-Shirts und Hosen sieht man nicht. Wie viel Leid hinter dem Lächeln steckt, mit dem ein junger Afghane die Wohnung betritt, lässt sich nur erahnen.

Rund um die Uhr

Seit dem 1. August leben die jungen Flüchtlinge in dem Haus in der Waldstraße. Die Werkstatt für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe hat die ehemalige Arztpraxis nach entsprechenden Umbauarbeiten gemietet. Die minderjährigen Migranten werden von sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, einer Hauswirtschaftskraft und einer Praktikantin „rund um die Uhr“ versorgt und betreut. „Es gibt unterschiedliche Schichten. So ist immer gewährleistet, dass auch nachts jemand von uns hier ist“, sagt Robben. Die Sommerferien hat das Team genutzt, um die jungen Flüchtlinge in ganz lebenspraktischen Dingen einzuführen: vom Zimmer aufräumen über Kochen bis hin zum Einkaufen. Natürlich lernten sie auch die Umgebung kennen. „Wir haben Fußball gespielt und waren am Speicherbecken“, berichtet Robben. Am kommenden Montag beginnt für die Jugendlichen der Unterricht in einer Sprachlernklasse der Marienschule.

Dann werden die jungen Menschen aus Eritrea, Syrien und Afghanistan auch verstärkt Kontakt mit den Lingener Jugendlichen bekommen. Das hoffen Hartholt und Robben jedenfalls. Es erleichtere nicht nur den Zugang zur deutschen Sprache. „Es würde dazu beitragen, ein anderes Bewusstsein zu entwickeln. Die Probleme der deutschen Kinder sind nicht die Probleme der Flüchtlinge“, betont die 53-Jährige. Aber es gibt nach ihren Angaben auch einen Lerneffekt in die andere Richtung. Viele Flüchtlinge kämen mit einem falschen Deutschlandbild hierher. Dass die Menschen hier für das, was sie sich leisten, arbeiten und Steuern zahlen müssten und es auch in Deutschland Menschen gebe, die sich nicht alles leisten können, sei ihnen oft nicht bewusst.

Freunde willkommen

Beim Kickern im Nebenzimmer ist noch kein Tor gefallen. „Lingen/Afghanistan“ gegen „Lingen/Syrien“, könnte die Paarung heißen, denn neben den beiden jungen Flüchtlingen spielen auch Robben und sein Kollege Tim Seifert mit. Im Wohnzimmer wird „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt oder im Internet gesurft. Wenn die Jugendlichen vielleicht bald mal deutsche Freunde haben – dürfen sie sie mitbringen? „Gerne“, sagt Robben. Die Begegnung mit dem Fremden sei bei vielen Bürgern im Emsland noch nicht so das Thema, beschreibt der Harener die Mentalität der Leute. Dabei sei es eigentlich ganz einfach: „Suche selbst den Kontakt und finde raus: Was ist das für ein Mensch?“

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