Für bessere Nachwuchsförderung „Schülerakademie für Musik und Theater“

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Lingen. Olaf Nießing, künstlerischer Leiter der Jungen Ems-Dollart Philharmonie und des Emsland Ensemble, und Lars Göhmann, Leiter der proskenion Stiftung (Nachwuchsförderung in Darstellenden Künsten), fordern eine bessere Förderung von Kindern und Jugendlichen im Bereich Musik und Theater. Begabtenförderung müsse im Kindesalter beginnen. Die Bildungspolitik mit Turbo-Abi und Ganztagsschulen sei in hohem Maße kontraproduktiv für eine qualitative Nachwuchsförderung. Das sei bereits jetzt massiv spürbar. In einem Interview mit unserer Zeitung äußerten sie sich dazu.

Wie zeigt sich der Mangel künstlerischer Förderung von Kindern und Jugendlichen?

Göhmann: Es ist beispielsweise schon auffallend, dass aus der hiesigen Region in den letzten 20 Jahren zunehmend weniger Jugendliche die Aufnahme an einer staatlichen Schauspielschule geschafft haben.

Nießing: „Klassen musizieren“ oder „Jedem Kind ein Instrument (JeKi) “ führt zwar zu explosionsartigen Teilnehmerzahlen in den Musikschulstatistiken. Zahlen vom Wettbewerb „Jugend musiziert“ lassen jedoch aufschrecken: Während die ältesten Teilnehmer 1998 mit mehr als 20 Prozent noch fast die größte Gruppe waren, ist ihr Anteil in 2010 mit 1,32 Prozent nahezu bedeutungslos.

Wie sieht ihrer Meinung nach eine qualifizierte Nachwuchsförderung aus?

Nießing: Deutschlands große Städte haben eigene Theater. Zudem sind Musikhochschulen mit ihren angegliederten Förderprogrammen für junge Nachwuchsmusiker bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich in Großstädten und Ballungszentren zu finden. So bietet beispielsweise an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover das „Institut für musikalische Frühförderung“ eine gezielte Schulung für musikalisch Hochbegabte an. Eine Teilnahme von außerhalb ist zwar theoretisch möglich, aber in der Praxis aufgrund aktueller bildungspolitischer Entwicklung nicht umsetzbar.

Göhmann: Ganztagsschulen oder auch G8 sind der Tod der künstlerischen Förderung, wenn nicht gleichzeitig auch in den Künsten mit hoher Professionalität unterrichtet wird, wie es beispielsweise in den USA oftmals anzutreffen ist. Hier arbeiteten ausgebildete Schauspieler, Regisseure, Musiker mit den Schülern im Sinne einer künstlerischen Vorausbildung. Hiesige Anbieter kultureller Bildung arbeiten jedoch zunehmend im Sinne einer Breitenbildung, die aktuell auch politisch gewollt ist. In einer solchen Situation fehlt das Umfeld, in dem Jugendliche sich hinsichtlich einer curricularen Vorausbildung künstlerisch entwickeln können. Bildung- und Kulturpolitik müssen sich vom derzeitigen Trend „Masse statt Klasse“ abwenden.

Wie kann das in der
Region Emsland/Grafschaft Bentheim ändern?

Nießing: Unser Vorschlag ist eine ‚Schülerakademie für Musik und Theater‘. Kooperationen mit vorhandenen Institutionen, beispielsweise der Musikschule des Emslandes , allgemeinbildende Schulen oder den Theatern in Münster und Osnabrück sowie eine Zusammenarbeit mit Hochschulen sind denkbar.

Göhmann: Die Schüler sollen in ihren Begabungen für Musik und Theater unterrichtet werden. Auch hier in der Region sollte jeder Schüler im Sinne der Chancengleichheit grundsätzlich die Möglichkeit haben, in seiner künstlerischen Begabung optimal gefördert zu werden.

Wie kann so ein, nennen wir es Projekt, umgesetzt werden?

Göhmann: Wenn eine solche Ausbildungsmöglichkeit bildungspolitisch gewollt ist, wird es auch machbar sein. Gemeinsam mit Einrichtungen der Region sollten wir den Mut haben, das Thema anzugehen.

Nießing: Unsere Kalkulationen zeigen, dass ab rund 150000 Euro pro Jahr eine solche Schülerakademie finanzierbar ist.


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