Katastrophe im Jahr 1548 Stadtbrand in Lingen vernichtete altes Archiv


Lingen. Beim Stadtbrand in Lingen im Jahr 1548 ging das mittelalterliche Rathaus mitsamt des Archivs in Flammen auf.

Wegen Brandschutzarbeiten bleibt das Stadtarchiv Lingen vom 10. bis zum 21. August geschlossen. Stadtarchivar Mirko Crabus nimmt dies zum Anlass, mit der aktuellen Archivalie des Monats an den Stadtbrand und den Neubau des Rathauses in der Mitte des 16. Jahrhunderts zu erinnern.

Am 9. Oktober 1548 zerstörte ein Feuer weite Teile von Lingen. Auch das mittelalterliche Rathaus wurde ein Opfer der Flammen. Von 1555 bis 1558 wurde es wieder aufgebaut. Verschiedenste Baumaterialien mussten dafür erworben werden. Zimmerholz, Balken und Planken, selbst ganze Baumstämme wurden aus dem Umland zusammengekauft – etwa aus Bramsche und Lengerich – und von etlichen Fuhrleuten in die Stadt gebracht. Die Backsteine kamen aus Haselünne, allein 100 Tonnen Kalk wurden geordert. Außerdem wurden Teer, Glas und Leim benötigt.

Zudem mussten die Handwerker bezahlt werden. Da waren etwa Maurermeister, Zimmermeister, Ziegelmeister, Schmiede und Glaser. Die Aufsicht über die Bauarbeiten führte der Stadtbote Johan Bode. Und auch die Lingener Gemeinde arbeitete am Wiederaufbau mit. Zum Dank schenkten die Bürgermeister den Gemeindevertretern deshalb später eine Tonne Bier.

Allein aus eigener Kraft war der Wiederaufbau aber kaum zu bewältigen. Schon 1553/54 hatten die Bürgermeister deshalb ihren Stadtboten Johan Bode zur Ritterschaft des Amtes Lingen geschickt, um Holz für den Wiederaufbau des Rathauses zu erbitten.

Die anfallenden Arbeiten waren nach Ausweis der Kämmereirechnungen vielfältig und vermitteln ein lebendiges Bild vom damaligen Rathaus. Das Gebäude wurde auf einem gemauerten Fundament errichtet und wies ein steinernes Gesims und geschmiedete Mauerhaken auf. Zumindest der Giebel wurde aus Backsteinen gemauert. Neben mit Windläden versehenen hölzernen Kreuzfenstern gab es im Giebel auch zwei Glasfenster.

Außerdem waren drei Windfahnen am Gebäude angebracht. Auch eine geländerte Holztreppe ist belegt. Das Erdgeschoss war offen und bildete hinter einem auf Pfeilern ruhenden, steinernen Bogen einen Unterstand. In dem Unterstand – unter dem Rathaus, wie es heißt – fand ein Gossenstein („gotthen steyn“) oder Deckstein („decksteyn“) seinen Platz, den der Drost von seinem Herrn als Geschenk erhalten hatte.

Im Innern wurde das Rathaus verputzt und Estrich verlegt. Insgesamt kamen 12.000 Fußbodensteine zum Einsatz. Ein Kamin wurde gebaut, Türen wurden gezimmert. Schließlich kaufte man Pappelholz, mit dem man die Sitze oder Sessel („zyttell eder sedell“) im Rathaus verkleidete. Schließlich wurde ein Malermeister gedingt, das neue Rathaus zu streichen.

Besondere Aufmerksamkeit erfuhr bei den Bauarbeiten das Uhrwerk. Schon um 1550 hatte der Uhrmachermeister Lambert das Uhrwerk gefertigt. Dann ließ er es anliefern und aufrichten. Zugleich begannen Zimmerleute und Schmiede, den Kasten für das Uhrwerk zu fertigen. Wessel Tymmerman baute das Schindeldach auf dem Häuschen über dem Uhrwerk und ließ das Dach decken. Außerdem setzte er das Uhrwerk ein und machte es gangbar. Taue mussten erworben werden, und Johan Pryns fertigte ein Bleigewicht für das Uhrwerk. Um 1557 holte man schließlich den Uhrmachermeister noch einmal aus Zwolle, um das Uhrwerk ein letztes Mal zu reparieren.

Doch hatte der Brand nicht nur das Rathausgebäude zerstört, sondern auch die städtischen Unterlagen vernichtet. Diese wurden in einer sogenannten Ratskiste – gewissermaßen dem Vorläufer des heutigen Stadtarchivs – verwahrt. Eine solche Ratskiste hatte ihren Platz gewöhnlich im Rathaus, und entsprechend wurde auch sie ein Opfer der Flammen. Deshalb hat das Stadtarchiv heute nur wenige Quellen aus der Zeit vor dem Brand.

Nach dem Brand musste jedenfalls eine neue Kiste her. Und so kaufte man 1550/51 für eine Mark, sechs Schillinge und neun Pfennige mitsamt Schloss und Schlüssel „eyn nye raeth kysten“.

Quellen und Literatur:
- Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung, Nr. 483.
- Köster, Baldur: Lingen. Architektur im Wandel von der Festung zur Bürger- und Universitätsstadt bis zur Industriestadt (bis 1930), Berlin 1988; Taubken, Hans: Die Kämmereirechnungen der Stadt Lingen von 1549 bis 1567. Lingen (Ems) 1982.