Reaktion auf Kirchenaustritte „Kirche im Emsland muss Menschen Hilfe anbieten“

Von Johannes Franke

Bernd Brauer ist Superintendent des evsangelisch-lutherischen Kirchenkreises Emsland/Grafschaft  Foto: Johannes FrankeBernd Brauer ist Superintendent des evsangelisch-lutherischen Kirchenkreises Emsland/Grafschaft Foto: Johannes Franke

Meppen. Die von der EKD veröffentlichten Zahlen der Kirchenaustritte für 2014 hätten ihn erschreckt, sagt der Superintendent des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Emsland/Grafschaft Bentheim, Bernd Brauer im Gespräch mit unserer Redaktion.

Dafür gebe es unterschiedliche Gründe.

„456 Austritte in 2014 ist die mit Abstand höchste Zahl, die wir in den letzten Jahren hatten“, so der Superintendent . Es habe einen großen Sprung von 2013 auf 2014 von 342 auf 456 Austritte gegeben. Auch sei ein Zuwachs von 291 auf 342 Austritte von 2012 auf 2013 zu verzeichnen. Es sei ein „wellenförmiger Verlauf“ ab 2010 zu erkennen. Bis dahin sei das Niveau in etwa gleich geblieben und habe bei 250 Austritten gelegen. „Doch für 2011 und 2013 gab es zwei Ausschläge mit jeweils circa 100 Austritten mehr als im Vorjahr.“ Gründe sind laut Brauer unter anderem eine Kampagne der reformierten Landeskirche, die schriftlich zum Übertritt aufforderte. „Resonanz erfuhr diese Aktion in Gebieten östlich von Lingen.“ Die innerprotestantische Vorgehensweise wurde nach seinen Worten durch ein Spitzengespräch beigelegt, und die Zahlen sanken wieder.

Den Zuwachs von 50 Austritten in 2013 bezieht der Superintendent auf den „Limburg-Effekt.“ Der drastische Anstieg in 2014 werde vor allem Älteren zugerechnet, was eher unüblich ist. „Normalerweise hat man die klassischen Austritte aus der Kirchzugehörigkeit grob gesehen zwischen 18 und 40 Jahren“, so Brauer.

Verängstigung

Doch Menschen im Alter von über 70 und 80 Jahren seien aus Verängstigung ausgetreten, weil sie meinten, „jetzt wollen die Kirchen auch noch an Omas Sparbuch“. Das Thema Zinsen auf Kapitalerträge sei nicht hinreichend transparent kommuniziert worden.

Der Kirchenkreis mit 66000 Gemeindemitgliedern umfasst die Landkreise Emsland und Grafschaft Bentheim. „In Niedersachsen sind wir noch der konstanteste Kirchenkreis“, so Brauer. „Im Vergleich mit dem städtischen Kirchenkreis Göttingen stehen wir gut da. Dort sind allein über 600 Austritte zu verzeichnen, hinzu kommen noch die Zahlen auf den Dörfern, und der Kirchenkreis ist in etwa so groß wie unser.“

Die bislang konstanten Zahlen von 140 bis 150 Kircheneintritten sacken 2014 auch deutlich ab. Der Superintendent: „Wir haben heute das Hausarztmodell in der Kirche. Die Erwartung ist: Wenn ich was habe, muss der sofort kommen, oder wenn ich komme, muss der sofort für mich da sein.“

Viele Menschen betrachteten ihren Kirchenbeitrag wie eine Krankenversicherung. „Für das gute Gefühl, wenn was ist, dann sind da Leute, die das irgendwie gut machen, aber ich will mich im Alltag eigentlich nicht so sehr darum kümmern.“

Die Gelder der Kirche würden investiert in öffentliche Belange, in Kindertagesstätten, Caritas, soziale Beratungen, Flüchtlingsarbeit, Sucht- und Drogenprävention, Konflikt- und Schwangerschaftsberatung, Krankenhäuser, Denkmalschutz, Friedhofverwaltung und anderes mehr.

„Wir fragen nicht nach dem Parteibuch. Die Leute kommen, weil wir eine gute Beratung haben“, betont Brauer. Dem Auftrag des Kirchenkreises gemäß fließe das Geld verantwortungsvoll ins Gemeinwesen. Und würde im gesellschaftlichen Interesse ausgeben.

„Für 65000 Lutheraner in beiden Landkreisen investieren wir eine sechsstellige Summe an Kirchensteuermitteln.“ Die Kirchen müssten in Zukunft stärker darauf hinarbeiten, was sie leisten und neben den kommunalen Aufgaben erfüllen könnten, „weil es gut ist für die Menschen“.

Das Leben im heutigen medialen Zeitalter sei häufig „Brot und Spiele“. Das dürfe Kirche nicht übernehmen, sondern müsse das verkünden und anbieten, „was den Menschen hilft“. Sich nur beliebt zu machen, sich anbiedern, würde bedeuten alles preiszugeben. Dieser großen, anstrengenden Herausforderung müsse Kirche sich stellen, dann würde sie vielleicht wie in den nördlichen Kirchengemeinden und im Hümmling stabil bleiben und sogar wachsen.