Kein Tabuthema mehr Kirchenaustritte belasten Pfarrer in Freren

Von Johannes Franke

Vielschichtig sind die Gründe, weshalb Menschen den Kirchen den Rücken kehren. Symbolfoto: dpaVielschichtig sind die Gründe, weshalb Menschen den Kirchen den Rücken kehren. Symbolfoto: dpa

Lingen. Mit Sorge hat der Generalvikar des Bistums Osnabrück, Theo Paul, die nach wie vor hohen Kirchenaustrittszahlen zur Kenntnis genommen.

In einer Presseinformation schreibt er: „Grundsätzlich müssen wir wahrnehmen, dass in unserer Gesellschaft die Bindung der Menschen an die Kirche zurückgeht .“

Im Gespräch mit unserer Redaktion sagt Bistumspressesprecher Hermann Haarmann: „Wir erfahren von den Kommunen, wer aus der Kirche ausgetreten ist.“ Doch die Gründe seien spekulativ. Bremen sei das einzige Bundesland, wo die meisten Menschen ihren Austritt direkt bei ihrer jeweiligen Kirche erklärten und sich die Gebühr ersparten. Somit bestehe die Möglichkeit zum direkten Gespräch, und einige würden ihren Entschluss überdenken oder rückgängig machen.

Die Hauptrolle spiele wohl die Diasporasituation im Norden. Einen Brief erhielten alle ausgetretenen Kirchenmitglieder, einige antworteten, doch die wenigsten fänden den Weg zurück. Generalvikar Theo Paul: „Es bleibt unsere Aufgabe, den Menschen offen und glaubwürdig zu begegnen und sie in dieser Begegnung etwas von unserem Glauben und unserer frohen Botschaft spüren zu lassen.“

Pfarrer Jürgen Krallmann von der Pfarreiengemeinschaft Freren betont im Gespräch mit dem NDR: „Wenn ich von der politischen Gemeinde eine Information bekomme, dass jemand aus der Kirche austritt, lässt mich das natürlich nicht kalt, und ich überlege, woran liegt das wohl. Es macht mich schon betroffen. Hat das auch etwas mit mir zu tun?“ Es gelte, auf jeden Fall genau hinzuschauen, warum Menschen aus der Kirche austräten und wie sie wieder erreicht werden könnten.

Dabei sei es schwierig, in sechs Gemeinden mit 7800 Mitgliedern „an jedem Einzelnen persönlich dran zu sein.“ Kirche und er persönlich seien angewiesen auf die Hauptamtlichen und vielen Ehrenamtlichen im Pastoralteam. Somit erfahre er die Kritikpunkte gegenüber Kirche, was nicht so gut gelaufen sei und warum Mitglieder mit dem Gedanken spielten, „der Kirche den Rücken zu kehren.“ Pfarrer Krallmann schreibt einen Brief, wendet sich an den Ausgetretenen, bietet ein Gespräch an. Doch die Resonanz sei nicht sehr positiv. Ein Tabuthema seien Kirchenaustritte auch in den emsländischen Gemeinden nicht mehr, „doch die familiären Bindungen sowie Strukturen in den Gemeinden sind hier enger.“ Der Austritt sei oftmals der letzte Schritt, seitdem man sich von der Kirche entfernt habe.“ Man könne ihn nicht auf einen einzigen Grund reduzieren. Am Ende sei es dann eventuell die nicht mehr zu zahlende Kirchensteuer.

Alarmierende Zahlen gibt es in den Großstädten. Allein in Hannover hätten im vergangenen Jahr 4000 Protestanten und Katholiken ihre Gemeinden verlassen – ein Viertel mehr als im Vorjahr. Das veränderte Verfahren des direkten Kirchensteuereinzugs auf Kapitalerträge habe viele verunsichert, heißt es. Elli Schmieg, Geistliche Begleiterin im Atrium Kirche in Bremen, verweist auf „gebrochene Lebenslinien“ und das Thema Homosexualität. „Wir als Kirche müssen einen anderen Weg finden, damit umzugehen.“

Trotz der Kirchenaustritte gibt es in der Gesamtschau der Kirchenstatistik aber auch positive Zeichen: Beispielsweise hat die Zahl der Gottesdienstbesucher im Bistum Osnabrück erstmals seit Jahrzehnten leicht zugenommen. Auch die Zahl der kirchlichen Trauungen und der Firmungen zeigt im Vergleich zum Vorjahr eine positive Entwicklung auf.