Gäste im LWH – Vorträge Von Lebensmut und Todesängsten: KZ-Überlebende in Lingen

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to Lingen. In Gegenwart von Barbara Piotrowska darf niemand einen angebissenen Apfel wegwerfen, sondern muss ihn ganz aufessen. Was wie eine Marotte klingt, ist die Nachwirkung eines traumatischen Kindheitserlebnisses. Die heute 80-jährige Polin war mit neun Jahren in das Konzentrationslager Ravensbrück deportiert und nach dessen Räumung auf den Todesmarsch geschickt worden.

Einmal warf ihr jemand vom Straßenrand einen Apfel zu. Als sie nur noch den abgegessenen Rest in der Hand hielt, warf sich ein ausgemergelter erwachsener Häftling aus einer entgegenkommenden Kolonne auf sie und entriss ihr den Apfelstrunk.

Traumatische Kindheits- und Jugenderlebnisse verfolgen alle sechs Gäste aus Warschau, die auf Einladung des Maximilian-Kolbe-Werkes zwei Wochen im Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) in Lingen verbringen. Die drei Frauen und drei Männer, die während des Zweiten Weltkrieges in Folge des Warschauer Aufstands (1. August bis 2. Oktober 1944) in verschiedenen Konzentrationslagern inhaftiert waren, sind gekommen, um von ihren Erlebnissen zu erzählen. Sie besuchen Schulen, treffen sich mit Gruppen im LWH, sind von Bürgermeistern in Lingen und Haren empfangen worden.

Diese Menschen haben das Grauen überlebt, und die Erinnerung daran ist auch nach 70 Jahren lebendig. KZ- Überlebende können die Schrecken, die sie in der Haft erfahren haben, nicht vergessen. „Jedes Mal, wenn ich davon erzähle, bin ich wieder dort“, sagt Alicja Kubecka. Sie hatte als 16-Jährige aktiv am Warschauer Aufstand teilgenommen und kam ebenfalls in das KZ Ravensbrück, wo sie Unmenschliches erleiden musste: Schläge, Erniedrigung, Schwerstarbeit, Hunger, Kälte, Läuse und Angst.

Davon berichten alle Zeitzeugen. Wiesława Borysiewicz wurde mit ihrer ganzen Familie nach Auschwitz deportiert. Sie war damals 15 Jahre alt. Am quälendsten empfand sie die Trennung von den Eltern. Diese Trennungsangst prägte ihr weiteres Leben. „Ich hatte immer Angst, alleine zu sein“, berichtet sie.

Todesmärsche

Eine Odyssee durch verschiedene Lager hatte Andrzej Korczak-Branecki erlitten. Er überlebte Dachau, Buchenwald, Mannheim, Frankfurt am Main und zwei Todesmärsche. „Ich möchte all das vergessen, aber es steckt im Kopf fest“, sagt er. Auch bei Stefan Sot sind die schrecklichen Erlebnisse so präsent, als hätten sie sich gestern ereignet. Mit 13 Jahren wurde er nach Auschwitz verschleppt, danach nach Mauthausen transportiert. „Auf dem Transport hatten wir zwei Tage lang nur Schnee gegessen“, erzählt er.

Bogdan Chrześciański hat keine eigenen Erinnerungen an das Konzentrationslager, denn er ist im Januar 1945 in Auschwitz geboren. Bei der Geburt wog er 1600 Gramm.

Ganz gleich, wo die KZ-Überlebenden ihre Geschichten erzählen, überall sind die Zuhörer zutiefst ergriffen. In den Schulen fällt es besonders auf. Ob im Gymnasium Georgianum, Franziskusgymnasium, der Gesamtschule und der Marienschule, im Burggymnasium Bad Bentheim und der Geschwister-Scholl-Schule in Dalum: Schüler der achten, neunten und zehnten Klassen hören den Zeitzeugen beinahe regungslos zu. Wenn Alicja Kubecka von den medizinischen Experimenten an Mädchen erzählt, die so alt waren wie die zuhörenden Schülerinnen, wenn Barbara Piotrowska sich an das Läuse-fangen-Spiel erinnert oder Andrzej Korczak-Branecki schildert, wie SS-Leute zurückbleibende Häftlinge auf dem Todesmarsch erschossen, halten sie die Luft an.

„Ich kenne das nicht anders. Es ist überall so“, sagt Marianne Drechsel-Gillner, die seit 2007 als ehrenamtliche Dolmetscherin für das Maximilian-Kolbe-Werk die ehemaligen KZ-Häftlinge begleitet. Jedes Jahr kommt sie mit einer Gruppe in das LWH.

Versöhnung

Für den Direktor des LWH, Michael Reitemeyer, sind die Besuche der Zeitzeugen eine wichtige Phase im Jahr, denn politische Bildung hat in dem Haus einen hohen Stellenwert. „Die Zeitzeugengespräche führen uns vor Augen, wie Versöhnung aussehen, aber auch wie Aufklärung aus erster Hand geschehen kann“, betont er. Was Schüler von den Betroffenen persönlich erfahren, sei viel wertvoller als alles, was sie im Unterricht, durch Lektüre oder Filme aufnehmen.

Die Schüler, die an einem Gespräch teilgenommen haben, bestätigen es. Eine Schülerin des Georgianums sagte, sie sei dankbar, die Zeitzeugen erlebt zu haben. „Ich weiß nicht, ob die jüngeren Schüler noch diese Chance bekommen“, meinte sie. Auch Markus Wellmann (LWH), der die Polen während ihres Aufenthaltes begleitet, ist froh, sie erleben zu dürfen. „Ich habe schnell gemerkt, dass die Erzählungen der Zeitzeugen eine Dimension eröffnen, die alles sprengt. Die Unbegreiflichkeit der Verbrechen wird nach dem Hören der Erlebnisse noch größer“, stellt er fest.

Auch den Zeitzeugen fällt es schwer, die schreckliche Vergangenheit jedes Mal wieder neu lebendig werden zu lassen. Aber alle betonen, dass sie es tun, um die Jugend zu mahnen, sich für den Frieden einzusetzen.

„Fühlen uns sehr wohl“

In den zwei Wochen haben die sechs Polen aber auch viel Spaß miteinander. Alle sind zum wiederholten Mal im LWH, und sie kommen gerne hierher. „Wir fühlen uns hier sehr wohl. Man spürt auch die besondere Atmosphäre dieses Hauses“, bemerkt Barbara Piotrowska. Sie findet es sehr gut, dass das LWH dafür sorgt, dass die Gäste viel erleben und die Umgebung kennenlernen.

Wenn die alten Menschen in dem Kleinbus sitzen und Markus Wellmann sie nach Münster oder Osnabrück, an die Nordsee oder zum Empfang beim Bürgermeister kutschiert, singen sie und lachen. Bei den Mahlzeiten scherzen sie und kommentieren, was sie gesehen und erlebt haben. „Ich bin fasziniert von der ansteckenden Lebensfreude, die diese Menschen ausstrahlen, gerade vor dem Hintergrund ihrer schrecklichen Geschichte“, bemerkt Wellmann.


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