Interview mit Schulleiter Weber: Gesamtschule in Lingen braucht die Oberstufe

Martin Weber ist  Leiter der Gesamtschule Emsland Lingen. Foto: Caroline TheilingMartin Weber ist Leiter der Gesamtschule Emsland Lingen. Foto: Caroline Theiling

Lingen. Der Schulleiter der Gesamtschule Emsland in Lingen, Martin Weber, möchte die Schullandschaft in Lingen reicher gestalten. In diesem Zusammenhang kritisiert er die Ablehnung einer Oberstufe an der Gesamtschule durch den Kreisschulausschuss und fehlende Gespräche im Vorfeld der Sitzung. In einem Interview mit unserer Redaktion fordert Weber mehr Kooperation und Diskussionen miteinander statt übereinander.

Herr Weber, der Wunsch der Gesamtschule Emsland auf Einrichtung einer gymnasialen Oberstufe bleibt mit dem Votum im Kreisschulausschuss weiterhin ein Wunsch. Wie groß ist Ihre Enttäuschung über diese Ablehnung, die ja auch schon Ihr Amtsvorgänger erleben musste?

Die ist schon groß. Was uns enttäuscht hat, ist, dass nicht einmal zugelassen wurde, eine Arbeitsgruppe einzurichten. Ich war als Schulleiter der Gesamtschule Emsland Zuschauer in der Sitzung. Ich hätte sicherlich wertvolle Impulse für eine erweiterte Diskussion geben können, wenn ich gefragt worden wäre. Wir sollten mehr miteinander statt übereinander reden. Wesentliche Eckpfeiler der Diskussion stimmten einfach nicht.

Welche meinen Sie?

Es war von einer Fünfzügigkeit der Gesamtschule die Rede, die einen Neubau an einem anderen Standort nach sich ziehen würde. Aber eine solche wird von uns überhaupt nicht gewünscht und widerspricht auch unserem Konzept der sozialen Nähe in kleineren, vierzügigen Jahrgangsteams. Wir wollen vierzügig bleiben und eine dreizügige Oberstufe auf dem eigenen Gelände - das geht und das hat diese Schule auch verdient! Wir erreichen locker die notwendigen Schülerzahlen von 54 und auch die in der Schulausschussvorlage geforderte von über 60 für eine sinnvolle Wahlmöglichkeit für eine Oberstufe.

Wie viele Ihrer Schüler wechseln zurzeit nach der zehnten Klasse in die Oberstufe der Gymnasien?

Unsere aktuelle potenzielle Übergangsquote in die Oberstufe liegt bei 64 Prozent. Macht man sich dann auch noch klar, dass unter diesen Abgängern im Jahrgang 5 vor sechs Jahren nur vier Jugendliche an der Gesamtschule mit einer Gymnasialempfehlung eingeschult wurden, ist für uns sicher, dass wir mit der Ankündigung der Einführung einer Oberstufe für die Gesamtschule Emsland durch unseren Schulträger deutlich mehr Schüler mit dem erweiterten Sekundarabschluss I hätten. Da sind dann 80 und mehr zu erwarten und wer das bezweifelt, braucht sich nur die Statistik anderer vergleichbarer Gesamtschulen anzuschauen, die ihr System mit einer Oberstufe erweitert haben. Wir gehören deutlich zu den „Top Ten“ der deutschen Schulen (Schulpreis Starke Schule – Auszeichnung für das pädagogische Konzept und die Berufsorientierung). Es zeigt, welche Qualität wir unseren Schülern bieten. Dieses nach Klasse 10 nicht weiterführen zu können, ist einfach nicht richtig. Eine ergebnisoffene Diskussion sollte nicht mit konservativen Zahlenspielchen verhindert werden. Eine Diskussion verpflichtet erst einmal zu nichts, außer zum gemeinsamen Nachdenken.

Warum ist Ihnen die gymnasiale Oberstufe an der Gesamtschule so wichtig?

Durch eine Oberstufe und die damit verbundene veränderte Zusammensetzung unserer (heterogenen) Lerngruppen – auch in den unteren Jahrgängen mit weiteren leistungsstarken Schülern - würde die Qualität der Lernprozesse weiter gestärkt. Davon profitieren alle. Wir sind eine starke Schule, die zur Ausbildungsreife führt. Mehr qualifizierte Arbeitskräfte werden im Emsland gesucht – eine Oberstufe an der Gesamtschule Emsland würde dann sehr selbstständige, sozial kompetente, teamfähige und gesamtschulgeprägte Abgänger für die Hochschule, aber sicherlich noch mehr für eine duale Ausbildung entlassen. Die Stärken unserer Schüler werden uns im Rahmen unserer Netzwerkarbeit von den emsländischen Betrieben immer wieder gespiegelt und decken sich mit den oben aufgezählten Attributen. Gesamtschulen arbeiten anders und diese Arbeit kann und muss in der eigenen Oberstufe eine Weiterführung und Abrundung erfahren. Eine Gesamtschule ohne Oberstufe verschenkt ihr Potenzial – sie rückt näher an eine Oberschule. Außerdem gehen unsere Schüler eher für den emsländischen Arbeitsmarkt verloren.

Warum ist das nach Ihrer Auffassung so?

Gesamtschulgeprägte junge Leute wechseln selten in die Oberstufe eines klassischen Gymnasiums und suchen nach Alternativen, die es für unsere Schüler derzeit im Emsland so nicht gibt. Viele unserer qualifizierten Abgänger finden sich nach der Sekundarstufe 1 in Hopsten oder Rheine in einer Oberstufe wieder. Wir stärken dadurch, dass wir keine Oberstufe in der Gesamtschule haben, die Schulen im benachbarten NRW. Wollen wir das?

Kritiker Ihres Antrages befürchten, dass Ihr Ansinnen zu Lasten der anderen gymnasialen Angebote in Lingen geht. Was entgegnen Sie ihnen?

Dieses Argument kann ich gar nicht verstehen. Es gibt in Niedersachsen kein Gymnasium, dessen Existenz durch eine Gesamtschule mit Oberstufe in der Nähe gefährdet ist. Wir nehmen niemandem etwas weg. Derzeit besuchen sehr viele Schüler nach der vierten Klasse, dem Elternwillen entsprechend, eines der beiden Gymnasien in Lingen, und das geht in diesem Schuljahr ganz deutlich zu Lasten der Real- und Oberschulen. Im Laufe der Jahre klopfen dann kontinuierlich Eltern bei uns an, die einen Platz für ihr Kind in einer Gesamtschule suchen, weil es an einem Gymnasium nicht zurechtgekommen ist. Oft müssen wir dann ablehnen, da die Jahrgänge mit 120 Lernenden voll besetzt sind. Warum muten wir diesen Jugendlichen zu, ihr schulisches soziales Umfeld zu verlassen? Eine Oberstufe an der Gesamtschule Emsland würde den Gymnasien rein rechnerisch nur die Jugendlichen wegnehmen, die später mit der persönlichen Erfahrung des Scheiterns versuchen, zu uns zu kommen. Eine gymnasiale Oberstufe an der Gesamtschule Emsland stellt nicht nur keine Konkurrenz dar, sondern ist eine verantwortungsbewusste Alternative für eine passgenauere Beschulung, in der die persönliche Schullaufbahn lange ohne Systemwechsel offen bleiben kann.

Die Gesamtschule Emsland hat ja ein bestimmtes pädagogisches und didaktisches Leitbild. Bleibt dieses unvollkommen, solange die Oberstufe fehlt?

Eine Oberstufe ist integraler Bestandteil einer guten Gesamtschule, das verdeutlicht ja schon der Gesetzgeber, wenn er schreibt: „In der Integrierten Gesamtschule werden Schülerinnen und Schüler des 5. bis 13. Schuljahrgangs unterrichtet…“. Individuelle Schwerpunktbildung, Neigungen fördern, selbstständiges Lernen ermöglichen, bei unterschiedlichen Lernvoraussetzungen gemeinsame Lernerfahrungen zu ermöglichen und mit differenzierendem Vorgehen individuell zu fördern sind zentrale Stichworte, die eine Integrierte Gesamtschule im Kern beschreiben. Ein Lernender, der deutlich selbstgesteuert und häufig im Team zu arbeiten gelernt hat, muss sich ganz schön umstellen, wenn er unsere Schule verlässt, um an einer Oberstufe das Abitur anzustreben. Ist es sinnvoll, diese wertvollen Elemente des Selbstlernens plötzlich nicht mehr (so häufig) anwenden zu können, plötzlich nicht mehr in Tischgruppen im Team im eigenen Lerntempo zu arbeiten? Nicht mehr die gewohnte moderne IT-Struktur zur digitalen Recherche, Dokumentation und Präsentation nutzen zu können? Andere Schulformen arbeiten deutlich anders. Unnötig und unsinnig ist dieser Bruch in jedem Falle – so schildern es jedenfalls unsere Abgänger. Aber noch etwas Anderes ist in diesem Zusammenhang äußerst ungerecht.

Was meinen Sie?

Hat eine Gesamtschule keine eigene Oberstufe, melden Eltern ihr Kind lieber an einem Gymnasium an – auch hier zählt das Argument, dass ein Systemwechsel immer mit Umstellung und Risiken verbunden ist. Warum müssen wir das unseren Lernenden zumuten, die Gymnasien aber nicht? Chancengerechtigkeit und Zukunftsverantwortung sehen anders aus.

Was müsste sich baulich an Ihrer Schule verändern, wenn es eine Oberstufe geben sollte?

Eine Machbarkeitsstudie hat der ehemalige Schulleiter Hans Georg Krupp dem Schulträger ja bei seiner Verabschiedung im Januar schon vorgelegt. Eine Oberstufe mit drei Profilen auf dem Gelände ist machbar, die Kosten dafür überschaubar. Wer uns kennt, weiß, dass unsere Profile einer Oberstufe an der Gesamtschule Emsland in jedem Falle etwas Neues bieten werden, was für die Oberstufen der Stadt eine Bereicherung bedeuten würde. Kooperation ist das Stichwort – nicht Konkurrenz! Kosten werden immer sehr schnell vorgeschoben, um eine produktive Diskussion mit ungewissem Ausgang erst gar nicht zuzulassen. Da würde ich mir von allen Beteiligten mehr Mut wünschen.

Werden Sie sich auch nach der jüngsten Entscheidung weiter für deren Einführung einsetzen?

Klar werden wir weiter an dem Konzept einer innovativen Gesamtschuloberstufe und seiner Verwirklichung arbeiten – eine starke Schule braucht auch eine starke Oberstufe, denn nur so kann sie sich als echte Gesamtschule deutlich von einer Oberschule unterscheiden. Eine Oberstufe für die einzige Gesamtschule im Emsland ist keine Vision der Lehrkräfte in der Heidekampstraße, sondern sollte eigentlich als eine Verpflichtung aller an Schule Beteiligten angesehen werden. Warum werden gerade Gesamtschulen in den letzten Jahren vermehrt mit Schulpreisen ausgezeichnet? Gemeinsames, individuelles Lernen ermöglicht es, das Potenzial von Verschiedenheit äußerst positiv zu nutzen, das wollen wir auch in einer Oberstufe fortsetzen - für unsere Eltern und Schüler und für unsere Region!


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