An diesem Freitag Zeugnisübergabe Ohne Gehör zum Abi in Lingen: Anne-Marie Gerdelmann

Von Caroline Theiling-Brauhardt

Die gehörlose Anne-Marie Gerdelmann (Mitte) hat an der BBS Lingen ihr Abitur gemacht. Links Koordinatorin Karin Schildt, rechts Klassenlehrerin Silke Hüring. Foto: Caroline TheilingDie gehörlose Anne-Marie Gerdelmann (Mitte) hat an der BBS Lingen ihr Abitur gemacht. Links Koordinatorin Karin Schildt, rechts Klassenlehrerin Silke Hüring. Foto: Caroline Theiling

Lingen. Viele junge Leute erhalten in diesen Tagen ihr Abiturzeugnis. Eine von ihnen ist Anne-Marie Gerdelmann. Sie besucht das Berufliche Gymnasium Wirtschaft der Berufsbildenden Schulen Lingen (BBS), kaufmännische Fachrichtungen. Die 19-Jährige ist gehörlos. Dass sie diesen Abschluss in der „Welt der Hörenden“ geschafft hat, ist ein Beweis für gelebte Inklusion.

„Meine Inklusion konnte nur gut gelingen, weil ich Menschen um mich hatte, die sich damit beschäftigt haben, was möglich ist und mit welchen Mitteln“, sagt sie mit Blick auf ihre Eltern, Lehrer und auch Mitschüler. Wer Anne-Marie gegenübersitzt und ihr zuhört, merkt schnell, dass da eine junge Frau ein gesundes Selbstvertrauen mit einer kräftigen Portion Ehrgeiz entwickelt hat. Das ist notwendig, um mit dieser Behinderung im Alltag zurechtzukommen.

Bereits als Kleinkind hat sie durch eine Operation ein Cochlea-Implantat bekommen. Das ist eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktioniert. Er wird hinter dem Ohr unter der Haut platziert. Wenn sie ein Hörgerät trägt, kann sie an der „Welt der Hörenden“ teilhaben. Das klappt aber nur, wenn nicht zu viele Personen im Raum und möglichst wenige Störgeräusche da sind – oder sie von den Lippen ablesen kann.

All diese Voraussetzungen sind in der Regel nicht im Klassenraum anzutreffen. Damit Anne-Marie trotzdem am Unterricht teilnehmen konnte, wurde ein Klassenraum mit Teppich ausgestattet, um die Akustik zu verbessern. Darüber hinaus wurde ein „Soundsystem“, unter anderem mit vier Funkmikrofonen, angeschafft.

„Positives Verhalten“

„Die Zusammenarbeit mit dem Landkreis Emsland, der schnell und unbürokratisch unter anderem auch die Finanzierung übernommen hat, klappte wieder einmal hervorragend“, freut sich Schulleiter Hans-Jürgen Grosse. Bereits im Vorfeld hatte es Gespräche mit dem Kollegium gegeben. „Wir wollten versuchen, uns möglichst gut auf die Bedürfnisse von Anne-Marie einzustellen“, erinnert sich Koordinatorin Karin Schildt.

Das waren aber nur die äußeren Voraussetzungen. Ein weiterer wesentlicher Aspekt waren die Mitschüler. „Es gab ein sehr positives Sozialverhalten innerhalb der Klasse“, berichtet Klassenlehrerin Silke Hüring. Alle Schüler hätten akzeptiert, dass im Unterricht stets Mikrofone im Einsatz waren und die Lehrer eine „FM-Anlage“ um den Hals trugen, damit Anne-Marie dem Unterricht folgen konnte. Diese FM-Anlage ist vergleichbar mit der Ausstattung von Mikros, wie man sie aus TV-Sendungen kennt.

Besonders wichtig für eine erfolgreiche Inklusion ist nach Ansicht von Anne-Marie aber der „Behinderte“ selbst und dass er offen mit seinem Handicap umgeht. „Ich glaube, dass man viel erreichen kann, wenn man die Kraft auf die positiven Aspekte der Inklusion richtet. Wenn man immer nur Stolpersteine vor sich sieht, gerät der Weg schnell aus dem Blickfeld“, sagt sie.

Diesem offenen Umgang ist es zu verdanken, dass die 19-Jährige im Alltag gut zurechtkommt. Als Beispiel berichtet sie von einem Besuch in der Lingener Emslandarena. Sie wollte den Auftritt von Martin Rütter besuchen, erzählte dort einige Tage vorher offen von ihren Hörproblemen und fragte, ob sie ihre FM-Anlage mitnehmen dürfe, da sie sonst den Auftritt nicht gut verfolgen könne. Die Verantwortlichen zeigten sich derart kooperativ, dass sie sogar wenige Stunden vor dem Beginn zu einer Art „Soundcheck“ in die Arena eingeladen wurde und sich zudem noch einen Platz aussuchen durfte, an dem sie auch die Mimik Rütters gut erkennen konnte.

Viel Unterstützung erfuhr die junge Frau ebenfalls durch den mobilen Dienst der Carl-Off-Schule, der sie von Grundschulzeiten an bis hin zum Abitur begleitet hat und beratend zur Seite stand.

Obwohl Anne-Marie viele gute Erfahrungen in der „Welt der Hörenden“ gemacht hat, möchte sie nach dem Abitur einmal in die der „Nichthörenden“ hineinschnuppern. Im Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte (LBZH) in Osnabrück wird sie ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren. Dort kann sie von anderen Gehörlosen etwa die Gebärdensprache lernen. Vielleicht kann sie außerdem durch Gespräche über ihre eigene Geschichte und ihren Optimismus zur besseren Inklusion der dort Lebenden beitragen.