Fachtagung der JVA Sozialtherapie in Lingen: Das „Prognoserisiko“ bleibt

Von Thomas Pertz

JVA-Leiter Meik Portmann dankte dem Team der Sozialtherapeutischen Abteilung für seine Arbeit. Foto: Thomas PertzJVA-Leiter Meik Portmann dankte dem Team der Sozialtherapeutischen Abteilung für seine Arbeit. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Der Leiter der JVA Lingen, Meik Portmann, hat dem Team der Sozialtherapeutischen Abteilung in der Haftanstalt „hohe Anerkennung und höchste Wertschätzung“ für seine schwierige Arbeit ausgesprochen. Dies gelte allen voran dem Leiter der Abteilung, Dr. Bernd Wischka, sagte Portmann am Mittwoch im Rahmen der Fachtagung „Auf den Spuren der Gewalt“ im IT-Zentrum.

Dazu hatte die Sozialtherapeutische Abteilung vor dem Hintergrund ihres 20-jährigen Bestehens Berufskollegen und andere mit der Straffälligenhilfe befasste Fachleute eingeladen. Die Veranstaltung sollte eigentlich im vergangenen Jahr stattfinden, dem 20. Gründungsjahr nach Aufnahme der Arbeit 1994. Doch die Sozialtherapie und ihre Bediensteten standen im Juni letzten Jahres nach der schweren Straftat eines Inhaftierten während einer Vollzugslockerung enorm unter Druck und in der öffentlichen Kritik. Deshalb wurde die Tagung auf 2015 verschoben.

Die Ereignisse zwölf Monate vorher spiegelten sich auch in den Reden im IT-Zentrum wider. Anstaltsleiter Portmann beschrieb den „Lebenslauf“ der Sozialtherapie mit dem Beginn 1994, der Fertigstellung des Neubaus 2004 und eben auch mit dem Hinweis auf die Ereignisse im letzten Jahr. Portmann wie auch schon zuvor der stellvertretende Leiter der Sozialtherapeutischen Abteilung, Gerd Bielenberg, würdigten die Arbeit von Bernd Wischka. Der Leiter der Abteilung konnte krankheitsbedingt an der Tagung nicht teilnehmen. Seine Ideen, sein Enthusiasmus und fachliche Kompetenz hätten die Arbeit der sozialtherapeutischen Abteilungen in Niedersachsen wesentlich geprägt, sagte Portmann.

Der Anstaltsleiter verwies darauf, dass die Akzeptanz der Sozialtherapie in der Lingener Bevölkerung „ein wertvolles, zerbrechliches Gut ist“. Umso mehr habe der Fall R. die Bediensteten zutiefst betroffen gemacht. Die Frage nach möglichen Fehlern und einer Mitverantwortung habe jeden intensiv beschäftigt. Das Risikomanagement bei der Prognoseeinschätzung von Straftätern sei modifiziert worden. Am Ende bleibe aber dennoch die Erkenntnis, dass ein „Prognoserisiko“ nie gänzlich auszuschließen sei.

Lingens Erster Bürgermeister Heinz Tellmann ließ die Geschichte der Sozialtherapie in der JVA seit 1994 noch einmal aufleben, erinnerte auch an die hitzigen Diskussionen in der Öffentlichkeit 2001. JVA, Justizministerium und die Stadt Lingen hätten seinerzeit an einem Strang gezogen und zur Versachlichung der Debatte beigetragen. Die Bediensteten der JVA Lingen und der sozialtherapeutischen Abteilung seien sich der Bedeutung ihres Auftrages bewusst und brächten die fachliche Kompetenz mit, diese zu bewältigen, betonte Tellmann. Resozialisierung bleibe immer auch ein Wagnis. „Dieses Wagnis immer wieder aufs Neue einzugehen braucht starke Partner. Das sind die JVA und die Stadt Lingen über die Jahre geworden“.

Auch Jens Grote, Leitender Ministerialrat im Justizministerium in Hannover, würdigte die Arbeit von P Wischka und seinem Team. Er sei „das Gesicht der Sozialtherapie in Lingen und in Niedersachsen. Die Abteilung stelle sich dieser Arbeit mit Menschen „mit schwersten Persönlichkeitsstörungen und schwer aushaltbaren Straftaten“.

Die Tagung „Auf den Spuren der Gewalt“ hatte ein großes Echo unter den Bediensteten von Vollzugsanstalten, Trägern der Jugend- und Straffälligenhilfe und Behörden gefunden. Teilnehmer waren aus ganz Niedersachsen und Bremen gekommen. In den Referaten ging es um die Arbeit mit und die Behandlung von Straftätern, aber auch zum Beispiel um die Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen „Ballerspielen“ am Computer und Jugendgewalt.

Dazu trug Prof. Dr. Rudolf Egg vor, ehemaliger Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden. Der Psychologe, der sich beruflich mit der Rückfälligkeit und Behandlung von Straftätern, Sexual- und Gewaltdelikten beschäftigt, zog am Ende seines Vortrages diese Schlussfolgerung: Ein Einfluss gewalttätiger Computerspiele auf aggressives Verhalten sei zwar nachweisbar, aber relativ gering. „Entscheidender sind die Bedingungen der Persönlichkeit, der Biografie und der Lebenswelt der Menschen.“

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