zuletzt aktualisiert vor

Suizidversuch angekündigt Drama in Lingen: Marokkaner außer Lebensgefahr

Von Thomas Pertz

An der Meppener Straße im Kreuzungsbereich zur Wilhelmstraße wollte sich der Flüchtling aus Marokko am Samstagabend das Leben nehmen. Foto: JungeblutAn der Meppener Straße im Kreuzungsbereich zur Wilhelmstraße wollte sich der Flüchtling aus Marokko am Samstagabend das Leben nehmen. Foto: Jungeblut

Lingen. An der Fußgängerampel der Meppener Straße/Wilhelmstraße in Lingen sind ein paar helle und dunkle Flecken zu sehen. Das ist alles, was auf die Verzweiflungstat eines Flüchtlings hinweist, der sich dort am späten Samstagabend durch Selbstverbrennung das Leben nehmen wollte.

Der Asylbewerber schwebt inzwischen nicht mehr in Lebensgefahr. Hintergrund des Suizidversuches war vermutlich die bevorstehende Abschiebung des 36-jährigen Marokkaners nach Bulgarien. Diese sollte am Montag (20. April) erfolgen.

Nach Angaben von Landrat Reinhard Winter war der Mann von Bulgarien aus eingereist. Insofern liege die Prüfung des Asylantrags in der Verantwortung der bulgarischen Behörden. Die Ausländerbehörde des Landkreises Emsland leistet seinen Worten zufolge in diesen Fällen lediglich Amtshilfe für das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

„Das BAMF hatte angeordnet, ihn auf Grundlage des Dubliner Abkommens in den zuständigen EU-Mitgliedstaat Bulgarien zu überstellen“, erklärte Winter auf Anfrage unserer Redaktion. Der Landkreis Emsland habe keine eigene Entscheidungskompetenz zur Aussetzung der Überstellung.

„Die Verzweiflungstat des Marokkaners habe ich mit großer Bestürzung aufgenommen. Sie hat mich betroffen gemacht. Es entsetzt mich, dass ein Mensch die Lösung für seine Probleme auf diese Weise sucht“, betonte Winter.

Nach Angaben der Polizei hatte der Mann, der in einer Unterkunft für Asylbewerber in Geeste wohnte, am Samstagabend gegen 21.20 Uhr im Kreuzungsbereich an der Meppener Straße/Wilhelmstraße aus einer mitgeführten Flasche Benzin über seine Hose gegossen und sich dann vor den Augen von Passanten mit einem Feuerzeug selbst angezündet. Zuvor hatte er über Notruf einen Suizid angekündigt. Passanten rissen den brennenden Mann zu Boden und versuchten das Feuer zu löschen. Den eintreffenden Polizeibeamten gelang es schließlich, die Flammen mit einem Feuerlöscher zu ersticken.

Der 36-Jährige kam mit schweren Brandverletzungen in das Bonifatius-Krankenhaus. Kurz vor Mitternacht wurde er mit einem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik nach Gelsenkirchen geflogen. Wie die Polizei weiter mitteilte, ist ein Fremdverschulden definitiv ausgeschlossen. „In der Unterkunft in Geeste ist ein Zettel des Mannes gefunden worden, auf dem er die Tat ankündigte“, sagte Polizeisprecher Achim van Remmerden unserer Redaktion.

Es sei erschreckend, dass der junge Mann keinen anderen Ausweg mehr gesehen habe, äußerte sich auch Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone schockiert. „Der Suizidversuch stimmt mich zutiefst traurig“, sagte der Verwaltungschef am Montag auf Anfrage der Redaktion. „Viele Lingener unternehmen sehr viel, um die Flüchtlinge in unserer Stadt willkommen zu heißen und für sie da zu sein“, betonte der Oberbürgermeister. Umso mehr mache es ihn betroffen, dass in einigen Facebook-Gruppen teilweise rassistische und menschenverachtende Kommentare zu dieser Tragödie zu lesen gewesen seien.

Schon kurz nach der Verzweiflungstat waren in einer Lingener Facebook-Gruppe falsche Behauptungen über den Vorfall gemacht worden. Auch tauchten hierzu mehrere ausländerfeindliche Kommentare auf, die inzwischen aber wieder gelöscht worden sind. Dies gilt auch für eine weitere Gruppe, wo der Suizid diskutiert wurde.

Natürlich war der Suizidversuch auch beim SKM an der Lindenstraße ein Gesprächsthema, auch wenn keiner dort den marokkanischen Flüchtling näher kennt. Tief betroffen äußerte sich Geschäftsführer Hermann-Josef Schmeinck, gleichzeitig Flüchtlingsbetreuer beim SKM. Wie ausweglos müsse die Situation einem Menschen erscheinen, wenn er in dieser Form aus dem Leben scheiden oder schwerwiegende Verletzungen in Kauf nehmen wolle?

Unterdessen hat das Bündnis „Grenzenlos“ im Zusammenhang mit dem Suizidversuch des Flüchtlings scharfe Kritik an der deutschen Asylpolitik geübt. Am Sonntag waren nach Angaben des Bündnisses circa 60 Menschen dem Aufruf von „Grenzenlos“ gefolgt, um Solidarität mit dem Schwerverletzten auszudrücken und gegen Abschiebung zu demonstrieren. In Redebeiträge und auf Transparenten wurden einer Mitteilung zufolge die „unmenschliche Asylpolitik sowie der Rassismus in der deutschen Mehrheitsgesellschaft“ kritisiert. . Der friedliche Demonstrationszug bewegte sich vom Marktplatz, durch die Fußgängerzone zum Bahnhof und wurde von Transparenten, antirassistischer Musik und Parolen wie „No Borders, no nation, stop deportation!“ begleitet.

Weitere Nachrichten aus Lingen finden Sie unter www.noz.de/lingen