„Es waren verrückte Zeiten“ Als Neunjähriger des Kriegsende in Venneberg erlebt


to Bramsche. „Es waren ganz verrückte Zeiten. Für uns Kinder war es aber hoch spannend“, sagt Otto Kunk nachdenklich. Neun Jahre alt war der Bramscher, als die Welt, wie er sie kannte, aus den Fugen geriet. Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte er in Plantlünne, in der Nähe des Militärflugplatzes, der sich auf der Höhe der heutigen Mülldeponie Venneberg befand.

Seit 1943 waren dort Zerstörerflugzeuge mit Raketen zur Bekämpfung von US-Bombern stationiert, und somit war der Flugplatz ein ständiges Ziel für Angriffe englischer und US-Bomber. An einen schweren Bombenangriff kann sich Otto Kunk noch gut erinnern. „Da flogen Tiefflieger über den Flugplatz und hatten alles in Brand geschossen. Die flogen so tief, dass wir die Piloten in ihren Kanzeln erkennen konnten. Ich habe noch gesehen, wie die Jäger senkrecht auf den Flugplatz zuflogen und alles in Brand geschossen haben. Das habe ich persönlich gesehen“, beteuert er und erzählt weiter: „Meine Mutter war außer sich, und wir mussten in den Keller. Das war kein richtiger Keller, ohne Betondecke, ohne alles, wenn da eine Bombe getroffen hätte, dann hätten wir auch nicht überlebt. Trotzdem hat man sich da sicher gefühlt.“

Er erinnert sich, dass nach dem Angriff auf dem anderthalb Hektar großen Grundstück, das die Familie gepachtet hatte, 16 Bombentrichter waren. „In der Mitte waren die bestimmt einen Meter tief, und dann hatten die einen Durchmesser von sechs – sieben Metern“, beschreibt er und fügt hinzu: „Der Angriff kann schon im Herbst 1944 gewesen sein, genau weiß ich es nicht. Da geht manches durcheinander.“

Vermutlich war es der stärkste Angriff vom 4. August 1944, der sich in seinem Gedächtnis verankert hat. In Otto Kunks Erinnerungen mischen sich die Erlebnisse des Kindes mit Erzählungen anderer und werden zu einer Sammlung abenteuerlicher Geschichten, in denen deutsche und englische Soldaten, durch die Wehrmacht beschlagnahmte Pferde, Flüchtlinge, die erste Schokolade nach vielen Jahren und natürlich Tiefflieger und Bomben eine Rolle spielen.

Kunks Vater, der wegen falscher Fußstellung nicht eingezogen war und im Sägewerk arbeitete, musste am Ende des Krieges zur Heimatflak. „Zum Schluss, als es dann eng wurde mit Soldaten, da wurden viele Einheimische eingezogen“, erzählt der 79-jährige.

Mit seinem Vater hat auch die Geschichte mit den Pferden zu tun. Die Wehrmacht hatte laut Kunk die Bauern gezwungen, Munition nach Ankum zu transportieren, und dafür die Pferde beschlagnahmt.

Einige Bauern und Freiwillige begleiteten den Transport, um zu gewährleisten, dass die Pferde wieder nach Hause zurückkamen. Mehrere Tage war sein Vater unterwegs gewesen, die Familie wusste nicht, was mit ihm passiert war.

Die Geschichte mit den Pferden spielt in Kunks Erzählung eine wichtige Rolle, denn am Tag nach der Rückkehr seines Vaters nahmen die Engländer den Lünner Flugplatz ein. „Es war der
9. April, strahlender Sonnenschein. Das vergesse ich nie. Ich seh den Mann noch auf unser Haus zukommen“, erzählt Otto Kunk. Er zeigt auf ein Aquarellbild an der Küchenwand. Darauf ist sein Elternhaus zu sehen, das es längst nicht mehr gibt. Gemalt hat es eine Flüchtlingsfrau, die ein Jahr lang bei der Familie lebte.

„Dieses Pättken da“ sagt Kunk. „Das hat genauso existiert, wie es da steht. Da kam der Engländer mit einer MP im Anschlag auf unser Haus zu.“ Kunk zeigt auf ein Fenster auf dem Bild. „Dieses hier war mein Zimmer“, sagt er. Von dort aus habe er das Geschehen beobachtet. Angst habe er nicht gehabt. Aber seine Tante, die im Haus war, habe gezittert wie Espenlaub. „Der Engländer hat sich mit meiner Mutter unterhalten, sie hat ihn ins Haus geführt, und da war alles geregelt.“ Der englische Soldat habe sogar seine Tante beruhigt und sei dann wieder fortgegangen.

„Der 9. April, das war das Harmloseste von allem“, meint Otto Kunk, der in den Monaten zuvor viel Zerstörung mitbekam, zum Beispiel den Bombenangriff auf Salzbergen (6. März 1945). „Die Luft war grün und gelb, den Rauch hat man noch bei uns gesehen“, erzählt er.

Wenn ein Kind die Schrecknisse des Krieges nicht am eigenen Leib erleiden muss, dann können solche Ereignisse sehr spannend sein.

„Man war damals jung und abgebrüht – wir hatten gesehen, wie in 100 Meter Entfernung Bomben vorbeiflogen. Wir waren neugierig, wir hatten keine Deckung gesucht“, erinnert sich der
79-Jährige.

Der kleine Otto sammelte Bombensplitter, wie alle Jungs damals. Einmal machte er begeistert mit, als jugendliche Flüchtlinge Pulverstangen im Munitionslager entdeckten, diese in Säcken auf Fahrrädern holten und später anzündeten. „Wie Jungs so sind“, stellt Otto Kunk trocken fest.

Schöne Erinnerungen hat er an die erste Schokolade nach vielen Jahren, die ein englischer Soldat ihm gab. Er sei häufig gekommen, um Eier zu kaufen, mit ihm habe sich die Familie angefreundet. „Der war ein Familienvater und ein lieber Mensch“, sagt Kunk.

Es gibt noch viele Bilder aus der damaligen Zeit, an die er sich erinnert: Der zugewucherte Schulhof, der ein Jahr lang nicht benutzt wurde, die vielen Flüchtlinge, Pfannkuchen, die nach Schimmel schmeckten, weil das Mehl feucht geworden war. Bilder, die ihn sein Leben lang begleitet haben und weiter begleiten werden.

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