Stimmflut: Musik und Comedy Große Momente der Vokalkunst im Lingener Theater


Lingen. Brasilianische Verhältnisse haben geherrscht, als die jährliche „Stimmflut“ über den Lingener Frühling hereinbricht. Zwei ausverkaufte Konzerte im Theater begannen mit einer Hommage an die Fußballweltmeister. Das Hamburger A-cappella-Quartett LaLeLu als Opener zeigte Figur und Stimme und viel Comedy bei „allen Hits der letzten 100 Jahre“.

Tagesaktuell besang die einzige Frau des Abends, Sanna Nyman (Mischung aus skandinavischer Elfe und Fußballspielerin mit Beinen bis zum Fußboden) mit zeitloser Nana-Mouskouri-Brille den Strand von Kreta: „Zwölf Milliarden nach Athen, gibt es auch kein Wiedersehn. Die Troika muss jetzt leider gehn, der Stinkefinger bleibt bestehn.“ Jan Melzer, Enkel des früheren Lingener Oberbürgermeisters Hans Klukkert, fühlte sich im Emsland fast daheim und übte mit dem begeisterten Publikum die perfekte Aussprache von „Historisches Raathaus am Maakt“, nachdem er als Enrique Iglesias („die mediterrane Leichtigkeit am Steuer“) zur „Fahrrrsssule“ musste. Wirklich komisch! Frank Valet, eine Kreuzung aus englischem Gentleman und Udo Jürgens, und Tobias Hanf, ein samtweicher Parodist, der zeitgleich Calmund, Schäuble, Gysi, Maffay, Löw, Beckenbauer, Becker, Trittin, Seehofer und Merkel auf die Bühne brachte, sorgten mehr für Laster, Leid und Lustigkeit als für reine Schlafliedatmosphäre à la Heinz Rühmann.

LaLeLu sind vier Bühnentalente von Format, choreografisch, inhaltlich und stimmlich perfekt aufeinander abgestimmt und obendrein schwer sympathisch. Ihre afrikanisch inspirierte und ohne Verstärkung gesungene Zugabe „Umbala, ungaleilala“ berührte mit viel Nähe zum Publikum. Kommt bald wieder!

Maximum an Respekt auch für den zweiten Act, den 26-jährigen Robert Wolf, der wohl schon im Mutterleib seinen Künstlernamen „Robeat“ annahm und Beatboxer wurde. Was das ist? Wer den Satz „Bist du bekloppt, dicke Pizzakatze?“ oder vielmehr „Bstdbklptdkpzkz“ trainiert, kommt dem, was Robeat macht, schon ziemlich nahe. Er steht da, klein und zierlich und irgendwie brav, und dann kommt es gewaltig aus seinem Inneren: ein Grollen und Zischen und Pfeifen, mal aus dem Mund, mal aus der Nase, mal direkt aus dem Kehlkopf in das nahe Mikrofon: Sound-Akrobatik in 3-D.

Töne aus der Nase

Robeat kann Rhythmus, Melodie, Echo, und er kann alles zusammen. So eine „Human Beatbox“ ist schon unheimlich, aber wenn er Mozart zitiert oder Pippi Langstrumpfs Lied, dann verzaubert er sogar die, die seine Großeltern sein könnten. Zwischendurch zirpt er wie Grillen im Sommer, um dann zu „Billy Jean“ und „What goes up must come down“ richtig Gas zu geben. Als Zugabe noch die Tetris-Melodie in fünf Versionen: Standard, Balkan, Hip-Hop, Walzer und Volksmusik mit entsprechender Mouth-Percussion.

Nach der Pause dann fröhliches Wiedersehen mit Viva Voce, die sich auf ihre Fans verlassen können. Getreu ihrem neuen Programm „Ego“ setzten die fünf Jungs aus Ansbach diesmal auf Individualität in Kleidung und Performance und präsentierten vor allem ruhige Balladen und Chansons mit Tiefgang. „Free falling“, „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ und „Nur dabei sein“ gingen unter die Haut, und „United States of Eurasia“ mit seiner Botschaft von Friede und Einheit erinnerte an die Hymnen von Queen. Etwas Klamauk durfte natürlich nicht fehlen. So gab es erneut das Duett zwischen „O sole mio“ und „It’s Now or Never“ und als Zugabe im Finale mit allen Mitwirkenden „Stand by me“ (im Stromsparmodus „Stand-by nie!“). Hätte Viva Voce den Abend eröffnet und LaLeLu den Hauptact überlassen, wäre der Spannungsbogen perfekt gewesen. Aber auch so waren es wieder große Momente der Vokalkunst, die gezeigt haben, welchen Reiz ein perfekter Septnonakkord hat, wenn er nur gesungen wird.

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