Werner Nowak erinnert sich Kriegsende in Lingen: Zwei Kinder werden zu Lebensrettern

Von Christiane Adam


Lingen. Werner Nowak sagt über sich selbst, dass er vermutlich einer der jüngeren Zeitzeugen vom Ende des Zweiten Weltkrieges ist. Der 1939 geborene Laxtener „feierte“ im März 1945 seinen sechsten Geburtstag. Wobei feiern der falsche Ausdruck ist.

Im Text: „Wie ich das Kriegsende erlebte…“, den er für die Heimatzeitung des Heimatvereins Laxten-Brockhausen im Dezember 2011 verfasst hat, schreibt er: „Da gab es keine Feier, noch war es ein besonderer Tag im Leben. Außerdem gab es wenig zu kaufen, und zu tauschen hatten wir nichts“. Recht beengt lebte Nowak mit seiner Mutter und seinem dreijährigen Bruder auf dem Böhmerhof, dem Gelände, neben dem die heutigen Stadtwerke Lingen stehen. Der Vater war zu dieser Zeit noch im Krieg, und Albert, das kleine Brüderchen, war 1944 an Lungenentzündung gestorben, weil er nicht in das Spital durfte, das zu jener Zeit mit verwundeten Soldaten belegt war. Dafür lebte eine ostpreußische Flüchtlingsfamilie, bestehend aus Mutter, zwei Töchtern und einem 17-jährigen, geistig behinderten Sohn im Schlafzimmer der Nowaks. Jener 17-jährige Erich sollte in Nowaks Erzählung eine Rolle spielen, doch dazu später.

All diese Umstände, das beengte Leben in der ehemaligen Hausmeisterwohnung, der Einmarsch der Briten und die darauffolgende vorsorgliche Flucht Richtung Brockhausen, habe er mit sechs Jahren als „nicht so dramatisch“ empfunden. Die Erwachsenen hatten die Dinge als wesentlich schlimmer angesehen: so beispielsweise Ida Bojer, der man sämtliche Einmachgläser auf den Boden geworfen und zerschlagen hatte. Sie weinte bitterlich, kann sich Nowak erinnern. Ihr, die sie eine große Familie zu versorgen hatte, war natürlich viel bewusster, was solch ein Verlust zu bedeuten hatte.

Den Weg nach Brockhausen verbrachte Werner Nowak auf dem Gepäckträger von Mutters Fahrrad, der dreijährige Bruder kam ins Körbchen am Lenkrad. Die Familie kam an der Wohnung der Tante vorbei. Ihr Haus war in Brand geschossen worden; sie war nun mit ihren drei Kindern obdachlos. Nach dem Durchmarsch der Briten kehrten die Nowaks zurück zum Böhmerhof, die obdachlose Familie der Tante mit ihnen. Nun lebten sie dort zu elft.

Die britischen Soldaten seien durchaus freundlich gewesen. Einmal hätten diese mit einem Ball, der nur aus Stofffetzen bestand und der das einzige Spielzeug der Brüder war, Fußball gespielt. Die Brüder verdeutlichten den Soldaten mit Handzeichen, dass dies ihr Ball sei. Nicht nur, dass sie den Ball zurückbekamen, nein: Eine Tafel Schokolade gab es obendrein!

Allerdings kann sich Nowak auch an eine brenzlige Situation erinnern, bei der eben jener bereits erwähnte Erich die Hauptrolle spielte. Hinter dem Böhmerhof liegt ein Wald auf hügeligem Gelände. Hier spielten die Jungen gern. Erich fand dort eine deutsche Uniformjacke und zog sie sich an. „Da tauchte plötzlich ein englischer Soldat auf mit dem Gewehr im Anschlag. Er glaubte, einen deutschen Soldaten vor sich zu haben. Erich merkte wohl, dass es für ihn gefährlich wurde und nahm Reißaus. Wir Kinder hinterher und hinter uns der Soldat“, so die Schilderung im Text „Wie ich das Kriegsende erlebte…“

Bei der Wohnung merkte der Soldat, dass Erich behindert war, und machte den Frauen klar, dass Erich wohl erschossen worden wäre, wenn die beiden Jungen nicht im Weg gewesen wären. „So wurden wir Kinder, ohne es zu wollen, zum Lebensretter“.

Den Sommer 1945 beschreibt Nowak als „tote Hose“ mit Ausgangssperren usw. 1946 kehrte der Vater aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück. „Ich habe ihn als Erster gesehen!“ Nowak machte als Erwachsener eine Lehre als Schriftsetzer und blieb Laxten bis heute treu.


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