Hilde Riegel erinnert sich Warum brannte das Haus in der Lingener Lookenstraße?


Bonn. Hilde Riegel war neun Jahre alt, als der Krieg nicht nur mit Bomben, sondern auch mit der Eroberung durch britische Soldaten in den Ostertagen 1945 nach Lingen kam. Die 79-Jährige lebt seit vielen Jahren in Bonn, erinnert sich aber an die Zeit des Kriegsendes in Lingen.

„Wir wohnten in der Lookenstraße 14, damals die Hauptverkehrsstraße durch Lingen. Hier konnte ich Anfang März 1945 beobachten, wie deutsche Militärlastwagen, vollgepackt mit Teppichen, Ölgemälden und Antiquitäten aus Holland Richtung Osten fuhren.“ Doch was danach durch die Lookenstraße an deutschen Soldaten fuhr oder ging, wurde immer erbärmlicher: „Etwas später folgten kleinere Autos und Kräder mit weniger Gepäck. Dann kamen Soldaten auf Fahrrädern und dann nur noch welche zu Fuß – total erschöpft.“ Einige von ihnen seien in die Praxisräume ihres Vaters gekommen, wären nur noch zu Boden gefallen. „Die wollten nur etwas trinken und schlafen – nur noch schlafen“, erinnert sich Riegel. „Die Tommies sind bald hier, wir sind am Ende“, habe einer der Soldaten zu ihrer Mutter gesagt.

Ihr Vater Dr. Julius Stüting war Dermatologe, aber praktizierte zu dieser Zeit nicht in Lingen, sondern als Stabsarzt in einem Lazarett in Telgte. Dort geriet er in amerikanische Gefangenschaft. „Wir haben ihn mehrmals dort besucht und durften von den Amerikanern Erdnussbutter mitnehmen“, erinnert sich Riegel.

Aber auch die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges in Lingen sind präsent: „Meine Mutter machte sich mit vier Kindern auf den Weg nach Neuholthausen zum guten Bauern Specken. Ihre Schwester war gerade mit fünf Kindern aus Gotenhafen über die Ostsee ins Emsland geflüchtet. Sie wollte in Lingen bleiben. Ein gnädiges Schicksal hatte sie vor dem Untergang mit der ‚Wilhelm Gustloff‘ bewahrt, weil sie in letzter Minute auf einen Eisbrecher nach Swinemünde umsteigen konnte.“ Mehr als 9000 Soldaten und Flüchtlinge hatte die Wilhelm Gustloff an Bord, die sie vom ostpreußischen Gotenhafen über die Ostsee vor den heranrückenden russischen Truppen evakuieren sollte, als sie durch einen Torpedotreffer des sowjetischen U-Bootes „U13“ versenkt wurde.

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In Neuholthausen lebte die Familie kurz in einem Kartoffelkeller. „Später wurden wir auf dem schönen großen Heuboden untergebracht.“ Die Familie des Bauern Specken habe vielen Menschen, die auf den Hof gekommen waren, geholfen, wo sie nur konnte. „Aber sie musste auch Streit schlichten, wenn manche nicht teilen wollten.“ Vor allem um Milch für die Kinder sei es dabei gegangen.

Wie groß die Not auf dem Hof Specken gewesen sein muss, wird an folgender Erinnerung von Hilde Riegel deutlich: „Irgendwann hieß es dann, in Bawinkel wird Brot gebacken. Einige Mutige haben sich dann zu Fuß auf den Weg gemacht und haben Brot für alle geholt.“ Wie lange der Aufenthalt in Neuholthausen dauerte, weiß Riegel nicht mehr. Aber an den Weg zurück nach Lingen erinnert sie sich genau: „Mit dem kleinen Bruder im Kinderwagen haben wir an der Waldstraße die ersten Engländer mit den flachen Stahlhelmen gesehen. Sie guckten freundlich.“ Aber auch an Negatives denkt Riegel zurück: „Auf der Kreuzung Waldstraße/Wilhelmstraße kamen uns Lingener Frauen mit Handwagen entgegen. Sie hatten den Konsum geplündert. Zu sehen waren Zuckersäcke und viele, viele Gummistiefel.“

Ein Zurück in das Haus in der Lookenstraße gab es nicht mehr. „Meine Mutter war auf dem Rückweg sehr traurig. Ich glaube, sie wusste schon, dass es für uns kein Zuhause mehr gab. Unser schönes altes Haus in der Lookenstraße 14 war nicht; abgebrannt bis auf die Grundmauern durch Flammenwerfer“, schreibt Riegel in ihren Erinnerungen. Aus der Ruine sei nur noch die alte schwere Bratpfanne der Großmutter zu retten gewesen, die noch lange für Bratkartoffeln und Pfannkuchen in Gebrauch gewesen sei.

Untergekommen sei die Familie dann zunächst bei einer „Kaffeekränzchenschwester“ der Mutter – van Acken in der Burgstraße. Dann sei ihr eine Wohnung in der Johannes-Meyer-Straße zugewiesen worden. So weit hätte es aber nicht kommen müssen. Denn das Haus der Stütings in der Lookenstraße stand noch, als die Engländer in Lingen einmarschiert sind. Dies belegen Fotos, die Riegel im Gespräch mit unserer Redaktion zeigt. Darauf sind englische Soldaten vor dem intakten Gebäude zu sehen. Erst nachdem von dort oder aus den Nachbargebäuden deutsche Soldaten die Engländer angegriffen haben, wurden Praxis und Wohnung ein Opfer britischer Flammenwerfer.

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