Hitlerjugend gegen „ND“ Vor 80 Jahren: Blockhüttenaffäre in Lingen

Von Johannes Franke

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Lingen. Zum 80. Mal jährt sich am 29. März der Jahrestag der sogenannten Blockhütten-Affäre – einem Zusammenstoß der Hitlerjugend mit dem katholischen Jugendverband Neu-Deutschland. Mehrere Schüler und auch Lehrer des Georgianums mussten seinerzeit die Schule verlassen – darunter der Schulleiter Moritz Hartmann und der spätere Schulleiter Paul Keseling.

Bereits 1920 gab es am Georgianum in Lingen den katholischen Schülerbund „Neu-Deutschland“ (ND). Diese Jugendgruppe hatte im Sommer 1932 aus eigenen Mitteln, mit Genehmigung und Hilfe des Bauern Lübbers in Rheitlage, eine massive Blockhütte für ihre Gruppenstunden errichtet. Der NSDAP war dieser gymnasiale katholische Schülerbund schon lange ein Dorn im Auge , und so sollte die Blockhütte im Sommer 1933 im Zuge der Gleichschaltung der katholischen Verbände beschlagnahmt werden.

Schüler wurden verhört

Um einer endgültigen Enteignung durch die örtliche Hitlerjugend (HJ) zuvorzukommen, wurde diese am 29. März 1935 von zwölf Lingener NDlern abgebrochen, um sie nicht „ihren ideologischen Gegnern zu überlassen“. Die Schüler Bernd Peters, Alfons Lögering und der vormalige Gruppenführer Schulte vollendeten weitgehend den Abbruch, fuhren die Schwellen mit dem Pferdewagen zur elterlichen Wohnung von Bernd Peters und hinterließen eine völlig unbrauchbare Blockhütte.

Bei den Eltern der beteiligten NDler fanden Hausdurchsuchungen statt, und einige Lingener Bürger bewarfen in den folgenden Tagen die Wohnungen mit Steinen.

Noch am selben Abend fand eine Sondersitzung der NSDAP statt, und am Georgianum fiel für einige Tage der Unterricht aus. Die Lehrerkonferenz tagte am 1. April unter Leitung des Direktors Hartmann, und alle am Abriss beteiligten Schüler wurden verhört. Es gab weitere Konferenzen. Alle mitwirkenden Jungen wurden vorerst vom Unterricht freigestellt. Die Schüler Bernd Peters, Heinrich Niebuer und Ferdy Claaßen kamen nach stundenlangen Verhören am 4. April 1935 in „Schutzhaft“, die mit einer sechstägigen Unterbrechung bis zum 27. April andauerte. Der Regierungspräsident Eggers aus Osnabrück war am 3. April nach Lingen zu Kundgebungen angereist. In den Reden bezeichnete man das Vorgehen der katholischen Schüler als „verbrecherisches Treiben“. In der gleichgeschalteten Presse konnten die Lingener von der widerrechtlichen Inbesitznahme der Blockhütte durch die HJ nichts lesen, wohl aber von der ‚Zerstörungswut‘ der katholischen Jugendbewegung.

Lehrer mussten gehen

Die Schüler Heinrich Niebuer, Bernhard Merschel und Heinrich Walterbach wurden der Schule verwiesen, alle übrigen Mittäter erhielten eine „Androhung der Verweisung von der Anstalt“. Die Protokolle der Konferenzen zeigen, dass sich im Lehrerkollegium insbesondre Dr. Paul Keseling, Dr. August Schulten sowie der evangelische Studienrat Dr. Helms aus religiöser Überzeugung für die Schüler einsetzten und gegen die Zerschlagung der Lingener ND-Gruppe protestierten. Sie wurden strafversetzt. Paul Keseling, der katholische Direktor Moritz Hartmann sowie der evangelische Studienrat Professor Wilhelm Fueß mussten den Schuldienst quittieren.

Der NSDAP-Kreisleiter nutzte somit die Gelegenheit, missliebige Lehrer zu entfernen. Am 15. April 1935 erfolgte die Auflösung des ND-Gaues Wittekind mit allen Ortsgliederungen, betroffen waren auch Gruppen in Meppen und Papenburg.

Der Historiker Helmut Lensing resümiert: „Die Lingener Blockhütten-Affäre war ein an und für sich verhältnismäßig unbedeutender Zusammenstoß zwischen dem Anspruch einer Jugendorganisation der Staatspartei, zur alleinigen Führung der deutschen Jugend berufen zu sein, und dem Selbstbehauptungswillen eines ideologisch konkurrierenden katholischen Verbandes. Seine Brisanz und herausragende Bedeutung im Verhältnis von Nationalsozialismus und Katholizismus im Emsland erhielt der Vorfall durch die Reaktionen des NSDAP-Kreisleiters.“


Dr. Paul Keseling

Paul Herwig Zacharias Keseling (geb. 1892 in Duderstadt) unterrichtete seit Mitte der 20er-Jahre katholische Religion, Latein und Griechisch am Gymnasium Georgianum in Lingen. 1935 ist er nach der Blockhütten-Affäre nach Norden strafversetzt und wenig später vom Dienst suspendiert worden.

Nach Ende des Krieges wurde er im Oktober 1945 Schulleiter des Georgianum und blieb es bis zu seinem Tod 1954. Der studierte Theologe, Philologe und Sprachwissenschaftler übersetzte zudem fünf Schriften des Kirchenvaters Augustinus in die deutsche Sprache. vb

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