Balken aus 1548 Lingen: Ratskeller ist ältestes Fachwerkhaus

Von Burkhard Müller


Lingen. „Ich gehe zum Eselswirt,“ hieß es im Volksmund, wenn Mann und Frau in den Ratskeller gingen, um dort ein Bier zu trinken oder eine der dort „gebauten“ Frikadellen zu verzehren. Wo sich damals die Honoratioren der Stadt trafen, um über bei dichtem Tabakqualm die neuesten gesellschaftspolitischen Ereignisse zu diskutieren, treffen sich heute Feinschmecker, um sich die Köstlichkeiten aus der Region auf der Zunge zergehen zu lassen.

Bis es allerdings dazu kommen konnte, musste das Haus aus dem „vermutlich“ 18. Jahrhundert komplett entkernt und saniert werden – und das mit einem Kostenaufwand, den die Brüder Hofschröer, als Besitzer des Hauses, nicht näher beziffern wollten. „Vermutlich“ weil die Geschichte dieses Hauses neu geschrieben werden muss. „Wir haben den Museumsleiter Dr. Andreas Eiynck mit ins Boot genommen, weil wir nun genau wissen wollten, aus welchem Jahr das Haus datiert ist“, erklärte Chris Hofschröer in einem Gespräch mit unserer Zeitung. Mithilfe der Dendrochronologie , bei der die Jahresringe von Bäumen anhand ihrer unterschiedlichen Breite einer bestimmten, bekannten Wachstumszeit zugeordnet werden können, ließ sich erkennen, dass der älteste Balken des Ratskellers aus dem Jahre 1548 stammt. Zu jener Zeit hatte ein großer Stadtbrand Lingen in Teilen vernichtet und die Häuser mussten neu aufgebaut werden. „Damit ist der Ratskeller das älteste Fachwerkgebäude der Stadt Lingen und die Denkmalpflege hat uns zu diesem Haus beglückwünscht“, erklärt nicht ohne Stolz einer der beiden Eigentümer.

Vieles war dort in den vergangenen Jahrzehnten umgebaut und verändert worden. Umgebaut und verändert, weil das eingeschossige und sehr langgestreckte Haus, vom Markt bis zur Schlachterstraße, ständig neuen Nutzungen unterlag. Die ehemaligen Wirtschaftsräume im hinteren Bereich dienten um die Wende zum 20. Jahrhundert als Gasträume, später wurden sie zu Wohnräumen umgebaut. Im vorderen Teil befand sich einst eine Herberge, dann eine Gastwirtschaft und heute ein Restaurant auf hohem Niveau. Nach Angaben von Baldur Köster ist das niedrige, eingeschossige Haus beispielhaft für die Mehrzahl der Lingener Häuser bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein. Auf einer Grundstücksbreite von knapp zehn Metern entwickelten sich beiderseits des schmalen Mittelflurs die Wohnräume. In der Hausmitte ist ein Raum unterkellert; in dieser für Lingen typischen „Upkammer“ war der Fußboden um einige Stufen angehoben. Zur Straße hin lagen vorn auf der einen Seite das wichtigste Wohnzimmer und auf der anderen ein Geschäftsraum, der bald ein Ladenfenster erhielt. Dieser Raum wurde nach und nach vergrößert, beim Haus Nr. 13 wurde er zur Herberge und Gaststätte.

Auf die Frage, warum sich die Unternehmer dieses Hauses angenommen haben, erklärt Hofschröer: „Es sind die Erinnerungen, die uns immer wieder haben an das Haus denken lassen und als Lingener haben wir deswegen die Sache angepackt. Heute sind wir stolz darauf, so ein Haus für die Stadt erhalten zu haben.“

Seit nun fast zwei Jahren pflegt Jan Kieseling im Ratskeller die „gehobene Küche mit regionalem Einfluss“. Im hinteren Teil des Hauses befindet sich das „1549“, eine Cocktailbar. Hier gibt es neuerdings nicht nur Cocktails oder erlesene Weine mit dem Schwerpunkt deutsche Weine, sondern auch eine eigene Steakkarte. Eine ebenfalls neu eingerichtete „Raucherempore“ rundet das Angebot rund um die gehobene Küche ab.

Dieter Frerich, Denkmalpfleger der Stadt Lingen : „Dieser Umbau ist absolut geglückt und es ist einfach toll, dass sich Unternehmer gefunden haben, die sich solcher Maßnahmen annehmen.“ Neben einem im Haus entdeckten Brunnen, der heute mit einer Glasscheibe gesichert ist, sei unter anderem vieles in der Dachkonstruktion zu Bruch gegangen. „Wir mussten eine Lösung finden, die wenigstens in weiten Teilen allen gerecht wird.“ So habe man sich zum Beispiel entschlossen, alle Dachpfannen einzeln abzunehmen und anschließend per Hand zu reinigen - soweit sie nicht aufgrund ihres Alters auseinandergebrochen seien. Eine Arbeit, die nicht nur viel Zeit, sondern auch sicherlich viel Geld gekostet habe.