Kay ist ein Mann im falschen Körper Transsexueller im Emsland: Bleibe derselbe, bin nur glücklicher

Kay Reimann hat noch einen langen Weg vor sich. Foto: Christiane AdamKay Reimann hat noch einen langen Weg vor sich. Foto: Christiane Adam

Lingen. Familie Reimann* aus dem Emsland besteht aus vier Personen: das Ehepaar Reimann und zwei Kinder: einer Tochter und Kay. Er ist vor über 25 Jahren als Mädchen geboren worden und hat bis vor etwa 15 Monaten auf den Namen Laura gehört. Den Namen Kay hat sich das ältere Kind der Reimanns selbst ausgesucht. Kay – ein Mann im falschen Körper.

„Ich habe schon während der Pubertät gemerkt, dass ich mich in meinem Körper nicht wohlfühle. Lange habe ich probiert, ein Mädchen zu sein, aber es passte einfach nichts zusammen. Später habe ich eine Psychotherapie gemacht wegen schwerer Depressionen, aber obschon ich viele meiner Probleme lösen konnte, lag stets eine Megalast auf mir“, erklärt der zierliche Kay mit der tiefen Stimme. Die tiefe Stimme kommt vom Testosteron, das er seit einem guten halben Jahr monatlich bei einem Endokrinologen injiziert bekommt.

Den innigen Wunsch, sein Leben als Mann zu verbringen, hatte der Emsländer, der in Köln angewandte Informationswissenschaften studiert, zunächst nicht angegangen. „Ich habe mich einfach nicht getraut, aber nachdem ich mich einmal informiert hatte, wurde mir klar, dass es durchaus Möglichkeiten gibt, dass ich nicht so bleiben muss, mich nicht durchs Leben quälen muss“. Das alles erklärt der Student im Emsland am Wohnzimmertisch, an dem das Gespräch mit ihm und seinen Eltern stattfindet. Die Schwester sitzt in der Küche und lernt. Das Ehepaar liebt ihre Kinder. „Mein eigenes Kind würde ich nie aus meinem Leben ausschließen“, betont die Mutter.

„Die Nachricht ist damals schon eingeschlagen“, gibt der Vater zu. In einem Brief hatte Kay sich den Eltern gegenüber vor gut einem Jahr geoutet, danach fuhr er für ein persönliches Gespräch von Köln ins Emsland. „Wir hatten so viele Fragen. Wir wollten wissen, wie das kam, was das jetzt bedeutet, was er jetzt vorhat usw.“, erzählt die Mutter. „Die größten Probleme haben doch die Betroffenen selbst und nicht deren Umgebung“, das ist die Meinung des Vaters. So tolerant ist allerdings nicht jeder. Kay weiß von Transsexuellen zu berichten, die er in der Selbsthilfegruppe tx Köln kennengelernt hat, die angegriffen, angepöbelt, von ihrer Familie verstoßen wurden oder gar Morddrohungen erhalten haben. Er schätzt sich glücklich, dass seine Familie voll hinter ihm steht, und auch der erweiterte Verwandtenkreis weiß Bescheid und akzeptiert die Entscheidung, dass Laura ihr/sein Leben künftig als Kay verbringen wird.

Die Nachbarschaft in der Gemeinde ist ebenfalls eingeweiht. Um Anonymität hat Familie Reimann dennoch gebeten. „Ich möchte nicht, dass meine Eltern von intoleranten Leuten durch den Dreck gezogen werden“, stellt sich Kay schützend vor seine Familie.

Bis aus Laura Kay wird, sind noch viele Schritte nötig. Die Richtlinien der Krankenkassen sehen Gutachten, begleitende Therapien und Indikationsschreiben von Fachärzten vor. Wenn dann klar ist, dass der betroffene Mensch wirklich entschlossen ist, eine Geschlechtsumwandlung vornehmen zu lassen, kann dieser eine Änderung seines Personenstandes und eine Namensänderung beantragen.

Das läuft bei Kay derzeit. Offiziell heißt er noch Laura Reimann. An der Fachhochschule ist der Student auf eine verständnisvolle Professorin getroffen, die dafür gesorgt hat, dass in den Seminarlisten bereits überall Herr Kay Reimann aufgeführt ist. Für Personenkontrollen wie beispielsweise in der U-Bahn führt er einen dgti-Ausweis mit sich. Das ist ein Zusatzausweis, der den Nachweis erbringt, dass es sich wirklich um die ausgewiesene Person handelt.

Denn Kay hat sich äußerlich bereits verändert. Drei bis vier Operationen sind notwendig, um die Geschlechtsumwandlung komplett abzuschließen. Bei der ersten werden die weiblichen Brüste entfernt. „Unter diesem äußeren Geschlechtsmerkmal leiden die meisten Transsexuellen“, erklärt er. Die zweite Operation, die Entfernung der Gebärmutter und der Eierstöcke, ist ein Kann, kein Muss. Genau wie der Aufbau eines Penis.

Kay möchte alles machen lassen, aber das geht alles nicht so schnell. „Das Wichtigste ist, dass er glücklich ist. Und seit der Hormonbehandlung ist er deutlich glücklicher“, bekräftigen beide Elternteile. Sie halten zu ihrem Kind. Auch, wenn sie in diesem Artikel anonym bleiben möchten, sei ihnen die Veröffentlichung wichtig. „Wir hören immer öfter von Transsexuellen. Das Thema ist tabuisiert, und wir hoffen, dass die Menschen aufgerüttelt werden“, erklärt die Mutter. Und Kay sagt in ihre Richtung: „Ich bleibe derselbe Mensch, auch, wenn ich jetzt als Mann lebe. Ich bin nur glücklicher als vorher“.

*Namen geändert


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN