Faszination ist ungebrochen Brieftaubenzuchtverein „Emsbote“ Lingen wird 100



Lingen. Sein 100-jähriges Bestehen feiert am Sonntag der Brieftaubenzuchtverein „Emsbote“. Gegründet wurde der Verein offiziell am 15. November 1914.

Es ist kein Zufall, das der Verein in Lingen zu einer Zeit entstanden ist, als der Erste Weltkrieg tobte und Millionen Menschen auf den Schlachtfeldern Europas ihr Leben verloren haben. Denn Brieftauben waren damals auch für die Militärs oft das schnellste Kommunikationsmittel über größere Entfernungen hinweg.

So wurde der Verein 1914 von Bezirksfeldwebel Friedrich Joergens unter dem Namen „Militär-Brieftaubenverein“ gegründet. Es war eine Zeit, in der Kaiser Wilhelm II. das Kreuz für Verdienste um das Militär-Brieftaubenwesen stiftete.

Von solch kriegerischen Absichten wandte sich der Verein alsbald ab. Im Februar 1926 gab er sich den heute noch gültigen Namen „Emsbote“. Von 1941 bis 1947 kam das Vereinsleben nahezu zum Erliegen. Der „Emsbote“ musste dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen, unter anderem einer Beschlagnahme der Tauben durch britische Truppen, seinen Tribut zollen.

Aus dem ersten halben Jahrhundert der Geschichte des „Emsboten“ liegen nur wenige Dokumente vor. Eines stammt aus der Ausgabe des „Lingener Volksboten“ vom 22. September 1926. „20 Mark erhält derjenige, der uns einen Brieftaubenschützen so angibt, daß wir denselbigen gerichtlich belangen können“, heißt es in einer Zeitungsanzeige des Vereins. Für damalige Verhältnisse bot der junge Verein eine Menge Geld auf, um Jäger zu finden, denen die Taube als Braten in der Röhre wichtiger war als die Rückkehr in ihren Heimatschlag.

Heute sind die Feinde der Brieftaubenzüchter eher in der Luft zu finden. Raubvögel setzen dem Bestand der Taubenschläge zu. Hans Hofschlag weiß ein Lied davon zu singen. Der passionierte Taubenzüchter ist seit über 50 Jahren Mitglied im „Emsboten“. Er erinnert sich an frühere Zeiten: „Wir waren einmal der größte Taubenzuchtverein in Lingen und hatten bestimmt 20 reisende Schläge.“ Heute sind es deutlich weniger Taubenschläge, in denen die 15 Vereinsmitglieder ihre Vögel halten.

Dies bestätigt Vereinsvorsitzender Jörg Drögemöller: „Derzeit haben wir noch sechs reisende Schläge.“ Mehrere Vereinsmitglieder würden einen Taubenschlag gemeinsam als sogenannte „Schlaggemeinschaft“ unterhalten. Ein Beispiel dafür sei Hofschlag – sein Sohn Markus sei aktiver Taubenzüchter, aber ohne eigenen Schlag. Den unterhalte er gemeinsam mit seinem Vater Hans.

Markus Hofschlag ist fasziniert vom Taubensport: „Je nach Entfernung und Wetter kann es zwischen einer Stunde und im Extremfall mehreren Tagen dauern, während wir darauf warten, dass die Tauben zurückkehren.“ Abhängig davon, ob der Taube beim Heimflug der Wind in den Rücken oder ins Gesicht wehe, legten die Vögel pro Stunde zwischen 60 und 120 Kilometer zurück. „Die Spannung ist einfach riesig groß, während wir die Tauben erwarten.“

Die Reisezeit, in der die Tauben mit einem Lkw zum Auflassen in bis zu 600 Kilometer Entfernung gebracht würden, dauere von April bis September. „Vorher trainieren wir die Tauben auch in der Umgebung.“ Dabei würden die männlichen und weiblichen Tiere getrennt voneinander aus dem Schlag gebracht. Die Züchter nutzen es auch, dass auch bei Tauben die Sehnsucht nach dem Partner groß ist. „Witwermethode“ nennen die Brieftaubenfreunde dies.

Zudem hilft moderne Technik den Züchtern heutzutage bei den Preisflügen: „Früher mussten wir die Tauben bei der Heimkehr noch packen, ihnen den Ring abziehen und ihn in eine sogenannte Konstatieruhr werfen“, erinnert sich Hofschlag sen. Heute werde die Rückkehr der Vögel elektronisch erfasst. „Das ist viel stressfreier für die Tiere, weil wir die nicht mehr einzeln packen müssen“, zeigt sich auch das älteste Vereinsmitglied des „Emsboten“ von technischen Neuerungen im Taubensport überzeugt.

Unter dem Nachwuchs von Tauben leiden die Züchter nicht: Jeder Schlag hat durchschnittlich 60 bis 70 Vögel im Bestand. Eher mangele es am Nachwuchs im Verein, wie Vorsitzender Drögemöller bekennt. Der Taubensport sei kein billiges und zugleich ein zeitintensives Vergnügen.

Das 100-jährige Bestehen feiert der „Emsbote“ am Sonntag, 28. Dezember, von 11.30 bis 17 Uhr mit einer Taubenausstellung im Heimathaus Schepsdorf. Im Vereinslokal „Zum Berge“ gibt es Kaffee und Kuchen.

Weitere Informationen erteilt Jörg Drögemöller unter Tel. 0591/1627403 oder per E-Mail an emsbote@gmx.de.


Informationen zum Brieftaubensport

Die Brieftaubenvereine haben sich auf lokaler Ebene in sogenannten Reisevereinigungen zusammengeschlossen. Der Reisevereinigung Lingen gehören derzeit sieben Vereine mit etwa 70 aktiven Taubenzüchtern an. Diese lasse ihre Tauben gemeinsam zu Preisflügen aufsteigen. Die einzelnen Vereine und Reisevereinigungen sind im Verband Deutscher Brieftaubenzüchter deutschlandweit organisiert. Die wertvollsten Tauben schätzt Hans Kirchhoff, Vorsitzender der Reisevereinigung Lingen, in der Region auf 500 bis 1000 Euro. Anderswo erzielte Preise im sechsstelligen Bereich bezeichnet er als „Auswüchse“ – dies auch vor dem Hintergrund einer in Düsseldorf gestohlenen Brieftaube, die angeblich 150000 Euro wert sei. Kein Thema für die Taubenzüchter ist die im Emsland festgestellte Vogelgrippe. Nach Auskunft des Landkreises können Tauben an diesem Virus nicht erkranken.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN