Nach Monaten der Flucht Syrer finden in Lingen ein neues Zuhause



Lingen. Sie sind voll mit Erinnerungen, Erinnerungen, über die sie nur mühsam sprechen können. Sie waren über Monate auf der Flucht aus Syrien, um in Deutschland eine Bleibe zu finden, in der sie zur Ruhe kommen können. Eine Bleibe, in der sie ihr Leben völlig neu ordnen müssen, weil sie nicht wissen, ob eine Rückkehr in ihr Heimatland jemals möglich sein wird.

Mohammed Shaban und seine Frau Hevin Murad halten ihre Kinder Lisa und Murad auf dem Schoß, machen einen schüchternen Eindruck. Neben Mohammed steht sein jüngerer Bruder Muhidin, der auch geflüchtet ist. Später, wie er sagt. Über die Türkei. Mehr sagt er an diesem Abend nicht. Und weder Ali Chraim, der als Dolmetscher beim SKM in Lingen behilflich ist, noch seine Familie können ihn dazu bewegen, darüber zu sprechen. „Vielleicht einmal später“, ist von dem Dolmetscher zu erfahren, der nach einem Blick zu Muhidin darum bittet, von Fragen an den jungen Mann abzusehen.

Ein weiterer Gesprächspartner der Redaktion ist ein älterer Herr, der weder fotografiert werden möchte, noch seinen Namen nennen will. Zu groß ist seine Angst, dass durch eine Wiedererkennung seiner Familie in Syrien Repressalien drohen.

Das Eis bricht, als Michael Altmann und Karin Schulz, beide vom SKM, zu dem Gespräch stoßen. Lisa nimmt sofort Karin in Beschlag, die erst einmal dafür sorgt, dass Spielzeug geholt wird, damit die beiden Kleinen beschäftigt sind. Man spürt, dass die syrischen Flüchtlinge sich nun in Sicherheit fühlen, weil mit „Michael“ und „Karin“ zwei SKM-Mitarbeiter dazugekommen sind, die ihr unbedingtes Vertrauen genießen. Die beiden, und das ist im Verlauf des Gesprächs immer wieder zu spüren, müssen sich sehr um die Familien gekümmert haben.

Hevin ist im achten Monat schwanger, als die Eheleute den Entschluss fassen zu fliehen. Es gibt keine Energieversorgung in ihrem Heimatort, keine Lebensmittel und keine Arbeit. Viele Menschen werden ermordet oder verschleppt, und doch ist keine Polizei vor Ort, um Sicherheit herzustellen. „Ein sehr hartes Leben“, wie Mohammed unter dem kaum wahrzunehmenden zustimmenden Nicken seiner Frau berichtet. Mit jeweils einem kleinen Rucksack auf dem Rücken machten sie sich auf den Weg ins Ungewisse.

Die Flucht geht mit Schleusern über die Türkei nach Griechenland bis hin zur bulgarischen Grenze. Weiter nicht. „Zu gefährlich“, sagen die Männer, weil die Grenze sehr scharf bewacht wird. Drei Stunden sind sie über Wege gefahren, die nirgendwo verzeichnet sind. Jetzt, mitten in der Nacht, werden sie in einem Wald abgeladen. „In diese Richtung müsst ihr gehen“, zeigt ein Schleuser mit dem Finger in die Dunkelheit, „dann seid ihr bald in Bulgarien.“

„Ich bin auf einen Baum geklettert, um mich zu orientieren“, erinnert sich der 35-jährige Mohammed, der Kurde und gläubiger Muslim ist. Viereinhalb Stunden war das Ehepaar unterwegs, bevor die Sonne aufgeht und ein kleines Dorf in Sicht kommt. „Und mit dem Dorf auch die Polizei, die uns gleich fragt, was wir in Bulgarien wollen. „Hier gibt es nicht einmal Arbeit für uns und schon gar nicht für euch“, hieß es als Willkommensgruß. Damit sei klar gewesen, dass Bulgarien keine zweite Heimat werden könne und der Weg in eine bessere Zukunft auch noch nicht abgeschlossen war.

Er erzählt, wie sie in Handschellen abgeführt und immer wieder Fingerabdrücke genommen werden. 25 Tage haben sie in einem Gefängnis mit einer hohen Mauer gesessen. Mit vielen anderen zusammen. Abgeschlossen, ohne Toiletten und ohne einen Arzt für seine hochschwangere Frau. Erst dann wurden sie für die nächsten acht Monate in ein „offenes Camp“, gebracht. Eine Zeltstadt, wie der 35-Jährige berichtet. Und dann, ja und dann wird Lisa geboren und man ist jetzt zu dritt in dem „offenen Camp“.

Die beiden Kleinen schlagen Alarm. Genug der Worte. Es fehlt eine Pampers und mit dem vorhandenen Spielzeug hat es sich ausgespielt. Karin nimmt sich der Sache an und erntet dafür einen dankbaren Blick von der Mutter. Michael Altmann schenkt derweil Tee an seine Gäste aus, nicht ohne Wasser dabei zu verschütten, was unter allgemeinem Gelächter zur Kenntnis genommen und kommentiert wird. Ein Lappen hilft. Es wird gezuckert und gerührt. Die Pause tut gut, nicht nur den beiden Jüngsten.

Mohammed berichtet von einer Behördenkultur in Bulgarien, die keine Aufenthaltserlaubnis ausstellen kann – oder will. Er berichtet von der Suche nach einem Haus, um dem Camp zu entkommen, und den Bemühungen nach einer Arbeit. Die Angst um die Familie hat ihm die letzte Kraft genommen. Niemand unterbricht ihn. Alle lassen den 35-Jährigen ausreden und schweigen. Jeder fühlt, wie sehr ihn diese Zeit mitgenommen hat.

Noch einmal musste Geld beschafft werden, um von Bulgarien nach Deutschland zu kommen. 1500 Euro, die nicht da waren, aber irgendwie beschafft werden konnten. In einem kleinen Bus fuhr man dann zusammen mit zwei weiteren syrischen Familien über die Grenze, um am 30. Januar in Dortmund anzukommen. Anfang Februar hat die Reise von Syrien in Lingen ein Ende gefunden. Nach vielen Monaten der Entbehrungen und Ängste ein gutes Ende, wie das Ehepaar immer wieder in Richtung Karin und Michael betont.

Die ganze Zeit sitzt der ältere Herr wortlos in der Runde und hört Mohammed still zu. Nur ab und zu senkt er den Kopf, erinnert sich wahrscheinlich an seine eigene Zeit. „Danke“, sagt er. „Meinen ganz herzlichen Dank an Deutschland, ein Dank an die hier lebenden Menschen und den SKM, der uns so fürsorglich betreut hat.“

Dann senkt er wieder den Kopf, ringt mit seiner Fassung und nach Worten, die erst gar nicht kommen wollen. Ein neuer Anlauf. In einem kleinen Ort mitten in Syrien habe er gelebt. „Alles ganz friedlich, weil wir nur zwei- oder dreimal im Monat bombardiert wurden“, berichtet er. „Nur“ zwei- oder dreimal. Und dann begann auch hier der Horror. „Freunde wurden verhaftet oder ermordet, es gab keine Arbeit mehr“, berichtet der Ingenieur. „Und dann die Familie zu Hause, die erwartet, dass du Geld mitbringst, um leben zu können. Es ist alles so fürchterlich“, berichtet der gläubige Christ. „Man trägt für das Überleben der Familie die Verantwortung, aber weiß nicht, ob man den heutigen Tag überlebt.“

Das Geschäft seines Sohnes sei über Nacht ausgeraubt worden. Ausgeraubt heißt in diesem Fall aber nicht nur den Warenbestand gestohlen, sondern alles. Von der Lampe unter der Decke über die Küche bis hin zu den Waschbecken und Toiletten in den Bädern.

Wieder senkt sich der Kopf, hinter dem er seine Hände verschränkt. Jeder am Tisch kann hören, wie der ältere Herr neuen Atem holt. „Drei Nachbarn wurden gekidnappt, andere erschossen. Ich konnte es einfach nicht mehr mit ansehen“, bricht es aus ihm heraus.

Für ihn und seine Frau wird es zwar keine entbehrungsreiche Flucht, weil die Tochter bereits in einer emsländischen Gemeinde mit ihrer Familie lebt, aber seine Frau und er müssen einen schmerzlichen Verzicht hinnehmen, der auch zehn Monate nach seiner Ausreise tief sitzt. Der Sohn und seine Familie dürfen nicht ausreisen. Sie müssen in Syrien bleiben.

Und deshalb ist es auch sein größter Wunsch, dass die Familie wieder zusammenkommt, in einem Haus, in dem man gemeinsam wohnen kann. Und leise sagt er, dass er auch mal wieder einen arabischen Gottesdienst feiern möchte.

Mohammed und seine Familie würden gerne in Deutschland, sprich Lingen, bleiben. Er hat eine Arbeit als Pizzabäcker-Gehilfe angenommen, um möglichst einen Teil seines Lebens in Deutschland selbst finanzieren zu können. „Ich verdiene nicht viel Geld, aber es reicht uns“, sagt er bescheiden in Richtung seiner Familie.

Die beiden Kleinen mahnen zum Aufbruch und auch die Gesprächspartner unserer Redaktion haben alles berichtet. Alles? Die Gesichter drehen sich stumm weg. Stattdessen nehmen sie die Hände von Karin und Michael in die ihren, um sich von ihnen zu verabschieden und noch einmal für alles zu danken, was ihnen hier Gutes getan wurde. Eine gelebte Willkommenskultur, die ihresgleichen sucht. Für Karin Schulz und Michael Altmann selbstverständlich. Für die syrischen Flüchtlinge das Ende einer Zeit, die viele Entbehrungen und fürchterliche Erinnerungen beinhaltete. Jetzt haben sie Zeit für sich. Bei uns in Lingen.


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