Vor rund 100 Jahren Der Lingener Forscher Erwin Detmers 1912 in Spitzbergen


Lingen. Für Erwin Detmers gibt es keine Hoffnung mehr am 2. Oktober 1912. Ob es sein letzter Tag ist, wissen wir nicht. Aber an jenem Donnerstag vor 100 Jahren wird der junge Emsländer im Eis Spitzbergens ein letztes Mal gesehen. Detmers kämpft gegen den Tod und wird verlieren. Der Lebensweg des hoffnungsvollen Biologen endet nach nur 23 Jahren in einer Tragödie.

Detmers hätte berühmt werden können. Denn es gibt viel zu erzählen über den Mann, der Forscher, Falkner und Umweltschützer der ersten Stunde war und damals eigentlich nur eine Art Sommerreise in das Eis Spitzbergens antrat – als Mitglied der fatal gescheiterten Deutschen Arktischen Expedition.

Angeführt von Leutnant Herbert Schröder-Stranz macht sich Anfang August 1912 eine Gruppe von zehn Deutschen gemeinsam mit fünf norwegischen Seeleuten auf in arktische Breiten, um Erfahrungen zu sammeln und den Nordosten Spitzbergens zu erforschen. Die Reise ist nur ein Test für den großen Coup, der 1913 folgen soll. Dann will Schröder-Stranz erkunden, ob die legendäre Nordostpassage auch für die moderne Schifffahrt nutzbar ist. Dieser zuvor nur selten bezwungene Weg entlang der Nordküsten Europas und Asiens würde die Fahrtstrecke bis zu den Schätzen Japans oder Chinas um mehr als 5000 Kilometer verkürzen. Es galt, Heldenruhm auch für Deutschland zu sichern. Kaiser Wilhelm II. rechnete fest mit einem Erfolg.

Das Problem: Anführer Schröder-Stranz ist ein Abenteurer und Hasardeur, seine Fahrt dilettantisch vorbereitet. Und der Winter kommt viel früher als erwartet. Acht Expeditionsteilnehmer kommen nach und nach im Eis Spitzbergens ums Leben – unter ihnen der Lingener Erwin Detmers.

Ein Naturtalent

Als junger Mensch macht er nichts lieber, als das Emsland zu durchstreifen und so ziemlich jedes Tier zu fangen und zu zähmen, dessen er habhaft werden kann. Detmers ist in der Lage, innigste Beziehungen zu seinen Schützlingen aufzubauen, hält sich Haselmäuse, Sperber, Waldkäuze und Falken. So berichten es später Weggefährten, und so schreibt er selbst in vielen seiner wissenschaftlichen Aufsätze.

Im doppelten Sinne entpuppt sich der Lingener als Naturtalent. Seine erste wissenschaftliche Arbeit veröffentlichte er mit 16 Jahren, seine Doktorarbeit verfasst er als junger Mann nach nur sechs Semestern des Biologie-Studiums mit Bestnote. Er veröffentlicht einige Dutzend Forschungsarbeiten und Aufsätze, von denen ein Teil bis heute Bedeutung hat.

Was ihn ins Eis treibt, lässt sich nicht mehr ergründen. Aber pure Abenteuerlust gepaart mit starkem Selbstvertrauen und Forschergeist dürften seine Motivation annähernd beschreiben.

100 Jahre ist es also her, dass sich das Schicksal gegen Erwin Detmers wendet. Anfang August 1912 – er ist gerade im Norden Europas angekommen – gleitet nicht nur die erhabene Fjordlandschaft Norwegens an ihm vorbei, sondern auch sein Leben. Er ahnt es noch nicht.

Ein letztes Gruppenfoto, kurz vor der Abreise am 5. August 1912 im norwegischen Tromsø geschossen, zeigt einen jungen Mann, der etwas verlegen durch seine randlose Brille auf den Schiffsboden schaut. Leutnant Herbert Schröder-Stranz sitzt vor Detmers inmitten seiner zusammengewürfelten Mannschaft. „Rave, filmen Sie. Heute wird Geschichte geschrieben“, ruft er dem Kameramann und Fotografen Christopher Rave zu.

Vorbereitet ist wenig, denn Schröder-Stranz war zwar schon in Deutsch-Südwestafrika gegen die Herero in den Krieg gezogen und hatte das russische Karelien bereist. Von der Arktis und der Inselgruppe, die etwas kleiner ist als Bayern, hat er aber keine Ahnung.

Erwin Detmers ist 23 Jahre alt, als er am Vorabend der Abreise ein Sektglas auf das Wohl des Vaterlandes hebt. Am Sonntag, dem 5. August, beginnt die Fahrt in den Tod. Das Schiff „Herzog Ernst“ ist nicht besonders gut für eine Eisfahrt geeignet –und der Sommer geht früher als erwartet. Der Winter kommt und mit ihm das Eis.

Am 15. August geht Leutnant Schröder-Stranz weit im Nordosten Spitzbergens mit drei Begleitern und acht Hunden von Bord. Er will mit einer lange geplanten Schlittenexpedition erkunden, ob das Innere des Nordostlandes, einer der Inseln Spitzbergens, komplett mit Eis überzogen ist.

Die anderen Abenteurer, unter ihnen auch Detmers, sollen mit der „Herzog Ernst“ weiterfahren. Erst viel später wird klar, dass der tränenlose Abschied für immer ist. Schröder-Stranz hat sich verkalkuliert – er und seine Begleiter sterben im Eis.

Schon bald aber geht es für die „Herzog Ernst“ ebenfalls nicht mehr weiter. In der Sorge-Bucht im Norden der Hauptinsel schließt sich der Eisgürtel immer enger um die das Schiff, knarzend, ächzend, dumpf.

Die arbeits- und aufgabenlosen Wissenschaftler werden immer verzweifelter, nur Detmers hat noch einmal eine gute Zeit. Die Jagdbeute der vergangenen Wochen bietet Beschäftigung; Detmers präpariert einen Eisbären- und Walrossschädel, und er fängt und beringt die eindrucksvollen Sturmvögel – eine damals ganz neue Forschungsmethode. Die Zeit verstreicht, das Eis bleibt. Am 8. September entsteht der Plan, auf dem Landweg zu fliehen.

Ein Hund namens Tell

Die Vorräte würden zwar für eine Überwinterung ausreichen. Aber die Männer fürchten, wegen der einseitigen Ernährung an Skorbut zu erkranken. Auch droht die Sorge-Bai komplett einzufrieren, und es fehlt an Ausrüstung – zum Beispiel an einem vernünftigen Thermometer. Während eisiger Wind das Schiff ächzen lässt, streiten die Männer, ob sie bleiben oder gehen sollen. Am 21. September 1912, das Schiff ist inzwischen eingefroren, brechen sie auf, wollen zu Fuß die rund 300 Kilometer entfernte Advent-Bai erreichen – eine Bucht in der Mitte der Hauptinsel. Aber die Gruppe kommt kaum voran, muss nur wenige Kilometer entfernt in einem alten Haus Station machen. Der Botaniker Walter Moeser und der Lingener Zoologe Erwin Detmers treffen eine folgenschwere Fehlentscheidung: Sie wollen zu zweit zur Advent-Bucht vorstoßen, weil sie glauben, so schneller zu sein. Das Abraten der vier Kameraden hilft nicht: Detmers und Moeser brechen am 28. September 1912 auf – begleitet von einem Hund namens Tell.

Von nun an gibt es nur noch zwei Lebenszeichen der beiden Forscher, die gegen beißenden Frost und arktischen Sturm ankämpfen. Am 2. Oktober werden Detmers und Moeser ein letztes Mal gesehen, 3000 Kilometer vom Emsland entfernt. Sie betreten gerade das Eis des Wijdefjords, einer 12 bis 15 Kilometer breiten und nun weitgehend zugefrorenen Bucht.

„Doch konnten wir vom Ufer aus nicht sehen, ob sie sich nach Süden am Ufer entlang oder nach Südwesten über die Bai hinüber wandten“, schreibt ein Begleiter später. Danach verliert sich jede Spur der beiden Deutschen. Wenige Monate später gelten sie als tot. Immer wieder gab es Gerüchte, mindestens eine der Leichen sei entdeckt worden. Sie blieben aber unbestätigt. Damit endet ein hoffnungsvolles Wissenschaftlerleben im Eis Spitzbergens, das Leben eines Unvollendeten.

Die Schröder-Stranz-Expedition ist nach ihrem Scheitern vielfach Gegenstand von Zeitungsartikeln, Fernsehbeiträgen und auch Suchexpeditionen. Denn der Überlebenskampf der einzelnen Teilnehmer löst vor 100 Jahren ein großes Medienecho aus und das Scheitern war dramatisch: Nur sieben der 15 Teilnehmer überlebten.

Der Meereswissenschaftler Hans Fricke (2005) und der Abenteurer Arved Fuchs (2007) sind den Spuren der Expedition in jüngerer Vergangenheit gefolgt und haben einige Überreste entdeckt – zum Beispiel Teller oder Schuhe. Hinweise auf den Verbleib von Erwin Detmers finden sie nicht.

Die Nordostpassage ist inzwischen einigermaßen befahrbar. Der Klimawandel sorgt dafür, dass die Fahrt zeitweise ohne Eisbrecher möglich ist.

Die Serie zum Lingener Erwin Detmers:

Teil 1: Der Unvollendete

Teil 2: Der Tierbändiger

Teil 3: Unter Reihern

Teil 4: Auf ins Eis

Teil 5: Sieben auf einen Streich

Teil 6: Das Ende


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