Eine deutsch Geschichtsstunde Marianne Birthler hat in Lingen gelesen

Aus ihrem Buch „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben – Erinnerungen“ hat Marianne Birthler im Ludwig-Windt-horst-Haus 90 Minuten lang vorgelesen und anschließend mit den Zuhörern diskutiert.Foto: Johannes FrankeAus ihrem Buch „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben – Erinnerungen“ hat Marianne Birthler im Ludwig-Windt-horst-Haus 90 Minuten lang vorgelesen und anschließend mit den Zuhörern diskutiert.Foto: Johannes Franke

Lingen. „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben“ lautet der Titel des Buches von Marianne Birthler. Im Ludwig-Windthorst-Haus (LWH) hat sie Passagen aus unterschiedlichen Kapiteln vorgelesen und die Zuhörer teilhaben lassen an ihren „Erinnerungen“.

Marianne Birthler war von 2000 bis März 2011 nicht nur Bundesbeauftragte der Stasi-Unterlagen-Behörde. Sie war friedliche Revolutionärin, Volkskammermitglied, Bundestagsabgeordnete, Parteivorsitzende von Bündnis 90/Grünen und durchaus unbequeme Wächterin über die Stasiakten. Im LWH hörten überwiegend Erwachsene den Erinnerungen einer Frau zu, die die jüngere deutsche Geschichte maßgeblich mitgeprägt hat.

Ihre „Erinnerungen“ passen gut in das große Gedenkjahr, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Doch für sie ist nicht der 9. November 1989 der Tag, der „uns die Freiheit brachte.“ Für sie, für die Oppositionellen in der damaligen DDR, ist der 9. Oktober das Datum der friedlichen Revolution. An dem Tag forderte Bischof Gottfried Forck in der Gethsemanekirche die DDR-Führung auf, „deutlich und glaubhaft Schritte einzuleiten, damit […] eine demokratische und rechtsstaatliche Perspektive für die DDR gefunden wird“. Die Montagsdemonstrationen und „das Wunder von Leipzig“ bleiben unvergessen. „Ich hatte zum ersten Mal den Geschmack von Freiheit auf meiner Zunge.“

Marianne Birthler schildert differenziert Alltagsgeschichte, vermittelt Einblicke in ihre Berliner Familie, zeichnet das Bild einer mutigen Frau und Mutter in der DDR nach, die sich in der Bürgerbewegung engagierte.

Ihre Erinnerungen an den Schulalltag zählen zu den stärksten Passagen dieses Buches. Die Autorin beschreibt nicht nur den ideologischen Druck der sozialistischen Schule. Sie erzählt auch von den „kleinen Inseln der Angstfreiheit“, schreibt über die Lehrer, die auf dem „Klassenstandpunkt“ beharrten, und jene, die Kreativität förderten. So entsteht ein DDR-Bild jenseits der Schlagworte. Dieses Land war, so formuliert sie, „Bruchbude“ und gleichermaßen „Zuhause“.

Birthlers Erinnerungen an ihre politische Karriere nach 1990 ist für die meisten der 50 Zuhörer im LWH nicht mehr präsent. Die Autorin lässt sehr persönliche, zum Teil schmerzliche Einblicke zu, etwa über ihren Konflikt und Rücktritt als Bildungsministerin in Brandenburg mit Manfred Stolpe, damaliger Ministerpräsident und Chef einer rot-grün-gelben Koalition. Ihr Fazit aus dieser Zeit und nach internen Auseinandersetzungen bei Bündnis90/Grünen lautet: „Nie wieder ein Parteiamt!“

Ost-West-Konflikte prägten auch ihr Amt als Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen ab Oktober 2000. Diesmal hatte sie es mit Alt-Kanzler Helmut Kohl zu tun, der sich gegen die Herausgabe einer ihn betreffenden Akte wehrte. Es ist der politisch spannendste Teil des Buches. Denn es ging um das Erbe der Revolution von 1989 und die Frage, wie offen zugänglich die Akten bleiben. Der Drohkulisse im Kanzleramt, Gerd Schröder als Kanzler und Otto Schily als Außenminister, widerstand sie.

Geradlinigkeit, Rückgrat beweisen, verlieren, siegen und weiter kämpfen kosten Kraft. Und Kraft scheint dieser Frau manchmal auszugehen. Birthler schreibt über Albträume, sie erleidet einen Hörsturz, muss ins Krankenhaus. Es bleibt dem Leser überlassen, die Gründe dafür in diesem Buch zu finden.

Vielleicht in dieser Passage? „Endlich war ein bisschen Ruhe in mein Leben eingekehrt. Meine Kinder waren erwachsen. Die Dauerbelastung, die Reisen und das Pendeln zwischen Berlin und Bonn hatten viel zu wenig Zeit für sie übrig gelassen.“ Ein lohnenswerter Abend, der ein volleres – und jugendlicheres – Haus verdient gehabt hätte.

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