Polizei-Pannen beschäftigen Gericht Opfer nach Überfall im südlichen Emsland übereifrig

Vor dem Landgericht in Osnabrück wird ein Überfall im südlichen Emsland verhandelt.Vor dem Landgericht in Osnabrück wird ein Überfall im südlichen Emsland verhandelt.

Osnabrück. Ein nächtlicher Überfall, ein übereifriges Opfer und einige „Aussetzer“ der Polizei bei ihren Ermittlungen sind die Bestandteile eines Verfahrens gegen einen Angeklagten aus dem südlichen Emsland. Der Mann soll einer der drei Täter sein, die im Februar einen 30-Jährigen nach einem Kneipenbesuch das Mobiltelefon und die Geldbörse geraubt haben sollen.

Nach einem Kloatscheeten mit Freunden und einer Kneipentour war der 30-Jährige gegen drei Uhr in der Nacht des 24. Februar auf dem Heimweg, als er von zwei Männern aufgehalten worden war. Unbemerkt hatte sich dann ein dritter von hinten genähert und ihn in den Schwitzkasten genommen, bis er zu Boden gegangen war. Dann waren die Angreifer mitsamt seiner Geldbörse, in der sich etwa 50 Euro befunden hatten, und seinem Handy im Wert von 700 Euro geflüchtet.

Zu Hause angekommen, hatte der 30-Jährige seiner Frau von dem Überfall erzählt, die sofort die Polizei alarmiert hatte. Vor Wut schäumend, setzte er sich dann in sein Fahrzeug, um selbst an der Verfolgung der Täter teilzunehmen. In einer an einer Bushaltestelle stehenden Person glaubte er, einen der Männer wiederzuerkennen. Beim Näherkommen konnte er feststellen, dass dieser bereits von zwei Polizeibeamten festgehalten wurde.

Seine Erleichterung über die Festnahme des Täters währte aber nur kurz. Die Beamten nahmen wahr, dass er nach Alkohol roch und trotzdem Auto gefahren war. Die daraufhin durchgeführte Kontrolle ergab einen Wert von 1,36 Promille; dumm gelaufen.

Dann aber setzten die Ermittler eine Pannenserie in Gang, die jetzt selbst bei Gericht für einiges Erstaunen sorgte.

Als nämlich am Tag nach der Tat das Handy in einer Asylunterkunft geortet werden konnte, wurde auf Betreiben der Ermittler aus Lingen eine Durchsuchung veranlasst. Während der Maßnahme kreuzte dort mit einem Mal der Geschädigte mitsamt seiner Frau auf. Nach seinen Worten war er von der Polizei herbeigerufen worden. Das, so erklärte es jetzt ein Beamter während seiner Aussage im Verfahren gegen einen der Tat verdächtigen 23-Jährigen, gehe gar nicht. „Das steht in jedem Lehrbuch zu lesen, dass ein Verdächtiger und ein Opfer nicht bei einer solchen Maßnahme zusammentreffen dürfen.“ Wer für den Anruf verantwortlich gewesen ist, darüber konnte bisher keiner der von der 5. Kleinen Strafkammer des Landgerichts vorgeladenen Beamten eine Auskunft geben.

Ein weiteres Malheur soll einer Beamtin unterlaufen sein, die wenige Tage später zur Wohnung des Geschädigten gekommen war. Gleich zu Beginn der Befragung „rutschte zufällig“, so die Beamtin, ein Blatt aus dem Ordner, auf dem das Konterfei eines Mannes und Auszüge aus dessen Strafakte gedruckt waren. Sofort hatte das Opfer des Überfalls den Abgebildeten als einen weiteren Täter identifiziert. Rechtlich gesehen ist ein solcher Vorgang jedoch unzulässig. Eine sogenannte Wahllichtbildvorlage muss immer die Fotos mehrerer unterschiedlicher Personen zeigen.

Und noch einen Lapsus soll es gegeben haben. Bei der Befragung des jetzt angeklagten Algeriers war ein Dolmetscher hinzugezogen worden. Augenscheinlich soll von den vernehmenden Beamten unterlassen worden sein, dass zusammengefasste Protokoll der Vernehmung noch einmal vom Dolmetscher für den Angeklagten ins Arabische übersetzen zu lassen, bevor dieser seine Unterschrift daruntersetzte.

Der Algerier war wegen seiner vermeintlichen Beteiligung am Überfall bereits vom Amtsgericht in Lingen angeklagt worden. Dort war er im April nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ freigesprochen worden. Daraufhin war von der Staatsanwaltschaft Berufung eingelegt worden, über die jetzt am Landgericht Osnabrück verhandelt wird. Bisher hat das Gericht 20 Zeugen gehört, weitere Vernehmungen sind geplant.

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