Wenn es zu Hause nicht mehr geht Lingener muss demente Mutter zu Hause verabschieden

Anfangs helfen solche Klebezettel im Haushalt. Aber wenn die Demenz weiter fortschreitet, sind andere Hilfen notwendig. Foto: dpaAnfangs helfen solche Klebezettel im Haushalt. Aber wenn die Demenz weiter fortschreitet, sind andere Hilfen notwendig. Foto: dpa

Thuine. Mutter und Sohn stehen vor dem Haus Katharina in Thuine. „Was soll ich hier?“, fragt Margarete Elmer*. Die 72-Jährige hat vergessen, dass sie bereits seit einem Jahr in der Pflegeeinrichtung für Dementkranke lebt. Die Tür geht auf. Die Rentnerin macht sich auf den Weg ins Gebäude. Stefan Elmer schluckt. Geweint hat der Lingener in solchen Momenten auch schon.

Was bedeutet es, einen Angehörigen abgeben zu müssen – nicht nur räumlich, sondern in dem Wissen darum, dass sich der andere geistig immer weiter entfernt? Bis zu dem Moment, wo die Mutter ihrem Kind oder der Mann seiner Frau gegenübersteht und ihn als Sohn oder Partner nicht mehr erkennt? „Es ist so, als ob jemand zu Ihnen sagt, dass Ihr Vater Krebs hat und nur noch drei Monate zu leben hat. Diese Trauer, die Sie dann spüren, die spüre ich schon jetzt“, sagt Stefan Elmer.

Die Tür fällt hinter seiner Mutter zu. Dass die Rentnerin noch vor einer Stunde bei ihrem Sohn zu Hause war, weiß sie bereits nicht mehr. Die 72-Jährige wird vom Pflegeteam begrüßt und läuft weiter. Das Haus St. Katharina ist Ende 2006 als Pflegeeinrichtung für bis zu 55 schwer an Demenz erkrankte Menschen eröffnet worden. Das Besondere am Gebäude ist die Einbindung der Architektur in das Betreuungskonzept für die Bewohner. Der Grundriss als liegende Acht kommt dem oft starken Bewegungsdrang der Demenzkranken entgegen.

Es begann mit Kleinigkeiten

Stefan Elmer hatte es sich anders erhofft. Seine Mutter hat er immer als sehr stark empfunden, gut organisiert, als einen Menschen, der alles regeln kann. Vor fünf Jahren fing es dann aber mit Kleinigkeiten an. Erst war Margarete Elmer, die allein in ihrer Wohnung lebte, ständig auf der Suche nach ihrem Hausschlüssel. Dann vergaß sie, wo sie in der Stadt ihr Fahrrad abgestellt hatte, und ging zu Fuß nach Hause. Der Sohn organisierte einen Arzttermin, die Diagnose war eindeutig: beginnende Demenz.

„Sie war sehr traurig“, erinnert sich Elmer an diesen Moment. Es sei ein Schock für seine Mutter gewesen, die zu dem Zeitpunkt genau gewusst habe, was diese Diagnose für sie bedeutete. „Es ist ja nicht so, dass ich heute erfahre, dement zu sein, und morgen alles vergessen habe.“ Und er selbst? „Ich habe nur geweint“, sagt er.

Freunde im Vergessen

Margarete Elmer ist inzwischen die „Acht“ im Haus Katharina entlanggelaufen. Vorbei an Bildern von Menschen, die hier wohnen, die in Sitzgruppen Platz genommen haben oder einfach nur den ganzen Tag unterwegs sind. Allein ist sie nicht mehr. Ein älterer Herr, ebenfalls dement, begleitet sie. Die beiden haben sich angefreundet. Es ist noch recht warm an diesem Tag. Die zwei gehen deshalb in den abgeschlossenen Garten, der ebenso wie das Gebäude Endlosschleifen beim Spaziergang ermöglicht.

Elmers Sohn, verheiratet und zwei Kinder, hatte seine Mutter zunächst zu sich nach Hause genommen. Sie war in seinem Leben immer eine wichtige Bezugsperson gewesen. Von dem Halt, den sie ihm gegeben hatte, wollte er nun etwas zurückgeben. Natürlich hatte sich der 45-Jährige vorher mit seiner Frau besprochen. Beide Ehepartner wussten, dass es nicht leicht sein würde – aber wie es wird, das zeigten die nächsten Monate.

Lange hinausgezögert

„Demenzkranke brauchen eine Aufgabe. Ich habe deshalb versucht, meine Mutter bei Aufgaben im Haus einzubinden“, erzählt Elmer. Die Nerven lagen allerdings bald blank. Nach jeder geschälten Kartoffel erneut zu erklären, was mit der nächsten geschehen solle, gehörte noch zu den harmloseren Begleiterscheinungen. Den Herd abklemmen zu müssen, wenn die Mutter allein im Haus ist und an den Knöpfen drehen könnte, oder die plötzlich spurlos verschwundene Rentnerin in der Nachbarschaft zu suchen, gehörte zu den kritischeren Momenten. Sorge, Angst und Stress verbanden sich zu einem Druckgefühl, das zum Handeln zwang. Stefan Elmer meldete seine Mutter im Haus Katharina in Thuine an. Als dort ein Platz frei wurde, fuhr er sie hin. „Ich hätte diesen Moment gerne noch länger hinausgezögert. Aber es ging nicht mehr.“

Irgendwann Fremde füreinander

Das war vor einem Jahr. Seitdem besucht er die Mutter mit seiner Familie jeden Sonntag. Er sieht dort Demente, deren Krankheit bereits viel weiter fortgeschritten ist, die einen Helm tragen müssen, in der Ecke stehen und die Wand anstarren – zeit- und orientierungslos. Seine Mutter holt er auch schon mal für ein paar Stunden nach Hause. „Sie erkennt mich, spricht mich auch mit meinem Namen an“, sagt er.

Elmer weiß, dass irgendwann der Moment kommt, wo die Rentnerin ihn als jemand Fremden ansehen wird. Wie er dann reagieren soll, weiß der 45-Jährige jetzt noch nicht. Auch nicht, wie lange er noch trauern wird.

*Namen von der Redaktion geändert.


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