An Bildern nicht nur vorübergehen Kunst im Psychologischen Beratungszentrum Lingen

Von Eva-Maria Riedel

Für Christoph Hutter sind die Ausstellungen im Psychologischen Beratungszentrum stets eine Bereicherung. Momentan sind Werke von Anne Schröder-Haming zu sehen. Foto: emrFür Christoph Hutter sind die Ausstellungen im Psychologischen Beratungszentrum stets eine Bereicherung. Momentan sind Werke von Anne Schröder-Haming zu sehen. Foto: emr

Lingen. Welche Bedeutung und Bereicherung die Ausstellung von Kunst in seinen Räumen immer wieder hat, darüber berichtet Dr. Christoph Hutter, Leiter des Psychologischen Beratungszentrums Lingen, in einem Interview mit unserer Redaktion.

Herr Hutter, wie verstehen Sie Ihre Einrichtung? Handelt es sich um einen Ort der Diskretion, in dem Menschen Rat suchen, oder präsentieren Sie diese Beratungsstelle als einen offenen und für jedermann zugänglichen Bereich?

Beides ist richtig. Was in unseren Beratungsräumen gesprochen wird, das behandeln wir mit größter Diskretion. Schon durch die gesetzlichen Vorgaben unterliegen wir einer strikten Schweigepflicht. Vor allem aber wissen wir, dass wir ohne eine vertrauensvolle und geschützte Atmosphäre niemals gut beraten können. Die Beratungsstelle versteht sich auch als gastfreundlich. Gastfreundschaft ist uns wichtig, und die bringen wir ebenso der Kunst entgegen. Neben den Arbeiten der Lingener Künstlerin Antje L. Baumeister, die in der zweiten Jahreshälfte 2013 zu sehen waren, stellten im selben Jahr 30- bis 70-jährige Künstler aus dem Christophoruswerk bei uns aus. Sie sind seit Jahren in der Kunstschule Lingen im „Atelier farbenfroh“ kreativ tätig. In einer Renovierungsphase, in der die Wände unserer Einrichtung vorübergehend ganz weiß waren, fingen wir an, darüber nachzudenken, welche Bedeutung die Kunst, die in unserer Beratungsstelle gezeigt wird, für unsere Tätigkeit hat.

Was bewirken denn Gastfreundschaft und Kunst in Ihrer Einrichtung?

Gastfreundschaft ist eine gute Möglichkeit, die Welt neu kennenzulernen. Denn wer als Gast in ein Haus kommt, dem wird in der Regel Schutz und Nahrung geboten. Als Gastgeber, und so verstehen wir uns, sind wir natürlich auf den Gast angewiesen, denn er vermittelt uns durch seine Anwesenheit eine andere, mitunter neue Perspektive auf seine Welt. Informationen kommen durch ihn zu uns. Diese ermöglichen einen veränderten Blick auf die eigenen Selbstverständlichkeiten. Und genauso öffnen uns die Künstler mit ihren Werken die Türen, zeigen uns ihre Welt und das auf eine oft überraschende Weise.

Was empfinden Sie, wenn Bilder Ihre Wände zieren?

In jedem Falle eine Bereicherung. Das gilt nicht nur für mich und meine Mitarbeiter, sondern für viele, die unsere Räumlichkeiten betreten. Jedes Bild sagt dem Betrachter „Sieh mich genau an“. In dieser Aufforderung gleichen sich Kunstwerke und Menschen. Beide sind es wert, ausgiebig betrachtet zu werden. Eine Grunderfahrung unserer Beratungen ist es, dass man einem Menschen erst dann gerecht werden kann, wenn man ihm Zeit gibt, sich zu zeigen, sich zu erforschen und sich selbst zu erklären. Ein Bild, an dem man nur vorübergeht, das wurde nicht betrachtet. Und wo Menschen und deren Leben immer schneller, immer beiläufiger werden, dort geht vieles verloren, weil wir uns nicht wirklich begegnen.

Haben Kunstwerke auf diesem Wege Einzug in Ihren Arbeitsbereich gehalten?

Ja, ich bin der Meinung, dass sich kreative Medien gut in die Beratungsarbeit einfügen. Ein Klumpen Ton, der geformt wird, oder ein Bild, das entsteht – beides kann die Lebenssituation eines Ratsuchenden präzise abbilden.

Wie gehen Sie mit den Kunstausstellungen in Ihrem Hause um?

Das ist ganz unterschiedlich, weil die Bilder oft so widersprüchlich und spannungsreich sind. Da stehen unterschiedliche Farben und Motive, Licht und Schatten nebeneinander: ungezügelt, unzensiert, ungeschminkt, mitunter auch unversöhnlich. Die tiefere Wahrheit eines Bildes erkennt man nach meinen persönlichen Erfahrungen, wenn man den Zusammenklang, die Komposition versucht zu verstehen. Auch hier ist die Betrachtung von Bildern eine gute Schule für die Beratung, denn so widersprüchlich wie manches Kunstwerk sind auch die Versuche des Menschen, glücklich zu werden. Manchmal teilen wir die Liebe zu einem Bild, manchmal nicht. Mitunter ist die Nähe zu einem Bild individuellen Gründen geschuldet. Auch hier können uns die Künstler eine wichtige Lektion erteilen: So plausibel das Abschätzen von Wert und Preis eines Kunstwerkes geworden ist, es kann Bildern und Menschen nicht gerecht werden.