Margarete Meschke erinnert sich Säugling verschläft den Bombenangriff auf Lingen

Meine Nachrichten

Um das Thema Lingen Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Lingen.Strahlend schön und frostig-kalt ist der 21. November 1944. Die 15-jährige Margarete Meschke ist an diesem Dienstag wieder in Darme, um bei einer Familie auf die kleinen Kinder aufzupassen. Der wenige Wochen alte Helmut schläft im ersten Stock tief und fest in seinem Kinderwagen. Es ist 12.30 Uhr, als die Sirenen ertönen – Fliegeralarm.

Bei dem zweiten großen alliierten Bombenangriff im Jahr 1944 sind heute vor 70 Jahren Teile der Stadt Lingen schwer zerstört worden. 24 Menschen kamen ums Leben. Für die inzwischen 85 Jahre alte Margarete Meschke ist dieser 21. November deshalb so etwas wie ein zweiter Geburtstag. „Wenn der Tag da ist, geht mir das jedes Mal sehr nahe“, sagt die Lingenerin. Ihre Familie war im September 1944 über Oldenburg nach Lingen gekommen. „Wir wohnten bei meiner Oma in der Nähe der Rheiner Straße“, erzählt die Rentnerin.

Fliegeralarm

1944 absolviert sie ein sogenanntes „Pflichtjahr“ und hilft bei einer Familie in Darme im Haushalt. „Wenn Fliegeralarm war, mussten wir sofort in den Keller hinunter“, erinnert sie sich noch gut an diese Kriegsmonate. Dann hieß es beten, dass die Flieger vorbeizogen, ohne ihre Bombenlast abzuwerfen.

Nicht aber am 21. November. „Die Sirenen gingen erst dreimal, das bedeutete Voralarm“, hat die 85-Jährige den Tag vor 70 Jahren noch genau vor Augen. Dann folgten sechs weitere Sirenentöne. Dies bedeutete, dass die Flugzeuge Kurs auf Lingen genommen hatten. „An das monotone Brummen der Maschinen erinnere ich mich noch sehr gut“, sagt sie.

Bomben detonieren

Alle stürmen in den Keller. Eine Nachbarin riskiert noch einen kurzen Blick zum Himmel und sieht die Markierungen für die Angriffsziele. Dann detonieren die Bomben auch schon.

Die 15-jährige Margarete drückt sich im Keller an die Wand. „Alles wackelte, wir hatten furchtbare Angst.“ Eine Nachbarin fragt, ob sie beten solle. Alle nicken. Immer wieder hören sie die Einschläge, spüren jedes Mal, wie der Boden vibriert.

Dann wird es ruhig draußen. Aber noch traut sich keiner nach oben, bis sie Stimmen hören. „Wo seid ihr alle?“ Die 15-jährige erkennt die Stimme ihrer Tante.

Dann durchfährt die Gemeinschaft im Keller der nächste Schreck: Wo ist Helmut, der wenige Wochen alte Säugling der Familie? In der Panik auf dem Weg ins Untergeschoss hat keiner an den Kleinen im ersten Stock gedacht.

Schlafend im Bett

Die Mutter stürzt nach oben und sieht den Säugling: Im Bettchen schlafend, während auf der Oberdecke Glassplitter der zerborstenen Fensterscheiben liegen. An diesem 21. November 1944 waren in Darme mehrere Schutzengel unterwegs.

Margarete Meschke läuft mit ihrer Tante zurück zum Haus in der Nähe der Rheiner Straße. Sieben Bomben sind rings um das Gebäude detoniert, haben das Haus aber nicht getroffen. Gleichwohl ist es schwer beschädigt. „Tiefe Risse durchzogen das Mauerwerk, man konnte mit der Hand durchwinken“, erzählt die 85-Jährige.

Volltreffer

Das Nachbarhaus hat einen Volltreffer abbekommen. Der Ehemann dort kann seine Frau noch lebend aus dem Schutt ziehen – andere haben an diesem 21. November 1944 in Lingen weniger Glück. Das Mädchen und ihre Familie kommen vorübergehend bei Verwandten an der Waldstraße unter. Bis zum Kriegsende im Frühjahr 1945 muss die 15-Jährige noch weitere gefährliche Momente überstehen.

Wie sie das alles verarbeitet habe? „Da fragte keiner groß nach, da musste man eben durch“, meint sie. Der 21. November 1944 hat sich in das Gedächtnis von Margarete Meschke tief eingebrannt. Wenn sie heute Sirenengeheul hört, dreht sie das Radio auf volle Lautstärke.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN