Auch die Übernahme des Betriebs stellt einen Schritt in die Selbstständigkeit dar – Drei Beispiele Ein Patentrezept für Existenzgründer gibt es nicht

Von Christiane Adam


Lingen. Existenzgründung bedeutet nicht immer die Neugründung eines Unternehmens. Auch die Übernahme eines bestehenden Geschäftes, einer Praxis oder eines Betriebes bedeutet für den neuen Inhaber, die Schritte einer beruflichen Selbstständigkeit zu gehen, und ist somit Existenzgründung im Wortsinne.

Andrea Salomon ist Buchhändlerin und mit ganzem Herzen bei der Sache. „Die Leidenschaft zum Buch muss definitiv vorhanden sein. Wir, das Team der Buchhandlung Holzberg, versuchen, eine besondere Atmosphäre zu schaffen und jeden Kunden mit Namen zu begrüßen“, bekräftigt die 37-jährige neue Inhaberin der Traditionsbuchhandlung in der Clubstraße. Nach ein paar beruflichen Umwegen – „die möchte ich nicht missen, denn auch Umwege bringen Lebenserfahrung“ – begann Salomon ihre Ausbildung zur Buchhändlerin und schloss diese 2003 als Niedersachsenbeste ab. Ihre Ausbilder waren Ulrich und Petra Franz, lange Jahre die Gesichter von Holzberg. Ende 2013 hatte das Ehepaar die Angestellten darüber informiert, dass sie sich in den Ruhestand verabschieden möchten. Ihr Wunsch: Das Geschäft sollte bestehen bleiben und in der Art und Weise fortgeführt werden, wie es bislang war. „Kompetente, zuverlässige und freundliche Beratung. In dieser Form hat eine Buchhandlung auch heute noch Zukunft, trotz Internethandel und E-Book“, ist die neue Inhaberin überzeugt. Ihre Familie steht hinter ihr. Genau wie das Ehepaar Franz, das sich sehr gefreut hat, dass Andrea Salomon sich für die Weiterführung ihres Ladens entschieden hat. Und ebenso wie das Team, das ausschließlich aus ausgebildeten bzw. gerade in Ausbildung befindlichen Buchhändlern besteht. Formelle und finanzielle Hilfen bekam die Gründerin von ihrem Steuerberater, einem Unternehmensberater und ihrer Bank. Letztere vermittelte ihr einen Niedersachsen-Gründerkredit.

In der Ruhe liegt die Kraft – so könnte man die Geschäftsübernahme der Firma Bojer Fenster durch Stefan Tholen bezeichnen. Gute drei Jahre vor dem Einstieg als Geschäftsführer hat ihn Josef Bojer, damals alleiniger Inhaber der Fensterbaufirma mit Sitz in Lingen-Laxten und Clusorth-Bramhar, gefragt, ob er sich mittelfristig zutrauen würde, die Geschäfte zu übernehmen. Tholen hat seine Ausbildung zum Tischler bei Bojer absolviert. Die Firma beschäftigt heute rund 60 Mitarbeiter. Tholen hatte bis dahin als leitender Angestellter die Arbeitsvorbereitung und die Montageeinteilung durchgeführt. „Mit meiner Frau habe ich gemeinsam überlegt, ob wir uns das vorstellen könnten. Sonst würde eine solche Entscheidung auch nicht funktionieren“, erzählt der jetzige Gesellschafter und Mit-Geschäftsführer. Ein Patentrezept für Existenzgründer mag Tholen nicht geben, denn „jede Situation ist anders“.

In der Tat, denn auch Dr. Benno Schulz hat einen Betrieb mit langer Tradition in Lingen übernommen. 1967 haben Dres. Monika und Walter Schulz in der Johannes-Meyer-Straße eine Zahnarztpraxis gegründet. Benno ist ihr Sohn und hat 2003 an der Universität Würzburg sein Examen zum Zahnarzt absolviert. Nach einigen Jahren, in denen er extern Berufserfahrung gesammelt hat, ist der Zahnarzt 2006 in die elterliche Praxis eingestiegen. Seit 2010 führt er die Praxis allein.