Große Schauspielkunst Ungeheuerliche Zitate im Lingener Theater

Die schillernde Leila, die farblose Margot und die mondäne Imelda (von links) – Szene aus dem Stück „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“. Foto: Elisabeth TonderaDie schillernde Leila, die farblose Margot und die mondäne Imelda (von links) – Szene aus dem Stück „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“. Foto: Elisabeth Tondera

Lingen. „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ – ein schöner, sinnlicher Titel für ein Theaterstück, das in Lingen als Gastspiel des Euro-Studios Landgraf zu sehen war. Doch dahinter verbergen sich Machtgier, Grausamkeit und Wirklichkeitsferne. Die Autorin Theresia Walser hat diese Zeile einem Gedicht des Diktators Gaddafi entnommen und damit die Richtung vorgegeben.

Es geht in ihrem Stück um drei in der Vergangenheit stecken gebliebene Gattinnen ehemaliger Diktatoren: Margot Honecker, die das Ende der DDR bedauert und keinerlei Schuldgefühle zeigt, Imelda Marcos mit ihrem Schönheitsfimmel und Leila Ben Ali, die das tunesische Schreckensregime mitverantwortete.

Die drei Frauen sind zu einer Pressekonferenz zusammengeführt worden, bei der es um die Verfilmung ihres Lebens gehen soll. Die Dialoge und Monologe, die sie in der Wartezeit führen, entwickeln sich zu einem fulminanten „Zickenkrieg“, den der Simultandolmetscher durch seine sehr eigenwillige Art der Vermittlung zusätzlich schürt.

Es ist zwar kein Dokumentarstück, aber die vielen Originalzitate, die die Autorin ihren Figuren in den Mund legt, machen es sehr authentisch. Am Jahrestag des Mauerfalls wirken Margots Sätze wie „Was kann ich dafür, wenn manche so blöd waren, über die Mauer zu klettern?“ doppelt ungeheuerlich. Imeldas ästhetische Attitüde erinnert an die „Feinsinnigkeit“ mancher SS-Schergen.

Gleich verschwunden

„Bei uns sind Leute von jetzt auf gleich verschwunden. Und irgendwann hat man sie ohne Kopf gefunden. In der Oper sind das große Momente. Selten beben Stimmen schöner“, sagt die ehemalige Schönheitskönigin, die es nicht erträgt, ohne Blumen im Raum zu sein. Leila, die nur Wasser aus kanadischen Wäldern zu sich nimmt, sinniert: „Ist die Welt besser, seit wir weg sein mussten?“

Es sind Paraderollen für das Schauspielerquartett, das dieses handlungsarme Stück grandios meistert. Doris Kunstmann absolviert in der Rolle der mondänen Frau Imelda eine virtuose Glanznummer, Saskia Valencia stakst als überspannte Leila auf hohen High Heels und möchte von Nicole Kidman gespielt werden, während Reinhild Solf im farblosen Ost-Look und mit fanatischer Strenge großartig die Figur der Margot Honecker darstellt, die im Stück kategorisch verkündet: „Ich bin nicht darstellbar.“

Zwischen den Frauen agiert Ole Eisfeld als beflissener Dolmetscher Gottfried, der sich immer verzweifelter bemüht, den Frieden zu bewahren und häufig nach eigenem Gutdünken übersetzt, dadurch oft aber genau das Gegenteil erreicht.

Das Stück lebt von der Sprache und den großartigen Schauspielern, die selbst manche Länge virtuos überspielen. Denn im Grunde passiert nichts, Regisseur Hans Hollmann lässt die drei Ex-First-Ladies kaum von ihren Stühlen aufstehen, nur der Dolmetscher wuselt nervös zwischen ihnen, und hin und wieder verlässt eine der Frauen unmotiviert die Bühne, um genauso unmotiviert wieder zu erscheinen.

Der verbale Schlagabtausch dient der Charakterisierung der einzelnen Figuren, ohne dass eine Verbindung zwischen ihnen hergestellt wird. Erst als am Ende die Urne mit der Asche Erich Honeckers zerbricht, Margot verzweifelt auf dem Boden herumkriecht, um die Asche einzusammeln und Leila nach einem Staubsauger ruft, kommt Bewegung auf die Bühne.

Von solchen Szenen hätte man sich wirklich mehr gewünscht.