Ex-Chefredakteure der „Titanic“ Bissige Satire und Polemik im Lingener Centralkino

Von Johannes Franke

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30 Jahre Qualitätssatire – Kostproben ihres Einfallsreichtums präsentierten Thomas Gsella, Martin Sonneborn und Oliver Maria Schmitt (v.l.) im Lingener Centralkino. Foto: Franke30 Jahre Qualitätssatire – Kostproben ihres Einfallsreichtums präsentierten Thomas Gsella, Martin Sonneborn und Oliver Maria Schmitt (v.l.) im Lingener Centralkino. Foto: Franke

Lingen. Die drei ehemaligen „Titanic“-Chefredakteure Martin Sonneborn, Oliver Maria Schmitt und Thomas Gsella haben nach 15 Jahren Bühnenpräsenz alles erreicht: Ruhm, Rückenschmerzen und einen zweifelhaften Ruf im Musikgeschäft. Jetzt ist Schluss mit lustig, denn die „drei gescheiterten Karrieren, Herren von Welt“ verabschieden sich von ihrem Publikum.

Das erlebte im Lingener Centralkino zweihundert Minuten Liveprogramm der „abgefuckten Altstars“ mit Satire pur und Polemik vom Feinsten, mit Lyrik, Prosa und lustigen Monumentalfilmchen, charmanten Beschimpfungen, dreisten Tatsachenverdrehungen und makabren Witzchen auf Kosten anderer. Jeder bekam sein Fett weg. Manchem blieb das Lachen im Halse stecken.

Sie kommen nach „Dings.“ Sie treten immer in Dings auf, egal, wo sie gerade sind. Und sie sind immer froh, dass sie morgen wieder abfahren dürfen, während diejenigen, die vor ihnen sitzen, verdammt sind zu bleiben. Ihr Publikum samt seiner Heimatstadt zu kränken gehört zu ihrem Konzept. Vor Beleidigungen schrecken sie nicht zurück. Vor allem Politiker nehmen sie aufs Korn.

„Was darf die Satire?“, fragte einst Kurt Tucholsky und antwortete: „Alles.“ Es ist schon grenzwertig, wenn sie sich auf Politik(er), Kirche, Religion und Medien einschießen, „Zonengabi“ und lieber zwei Deutschlands hätten, um „doppelt so viele Witze“ machen zu können. 38 verbotene Titel und Geldstrafen zeugen davon, dass bitterböse Bilder und Texte, die kein Blatt vor den Mund nehmen, doch eher verletzen als erheitern – und „aufklären“.

Trotzdem wirken sie sympathisch und charmant... eine Boygroup eben! Lustig und „analysierend“ die Standardfloskeln von Fußballkommentatoren, die „Vorfeldorganisation“ aus Sicht eines FDP-Politikers, „aufschlussreich“ das gefakte Interview mit einem Banker, der anhand der elektrischen Zahnbürste die Globalisierung zu erklären versucht. Wenn die drei nach der „Weltherrschaft greifen“, bleibt kein Auge trocken. Köstlich ihr Google-HomeView und entlarvend, wie Menschen vor der Kamera ihr Privatleben entblößen.

Zum Genießen waren die „Briefe an die Leser“ und die parodistischen Qualitäten von Schmitt, der im besten Sachsendialekt dem Stromanbieter für „billigen Polenstrom“ auf den Leim ging. Seine lyrischen Bösartigkeiten rezitierte Gsella und die „aufregenden Stunden in Lingen, wo sich einiges tut – der Marktplatz wird aufgerissen“ –, wolle er in Reime fassen. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Martin Sonneborn demonstrierte das als Mitglied im Europaparlament für DIE PARTEI während der Befragung des EU-Kommissars Günther Oettinger.

Eine Floskel aus der Fußballübertragung lautete: „Es war keine gute Vorstellung, aber ich kann nicht sagen, ob sie gut oder schlecht war.“ Möge sich das Publikum sein eigenes Urteil bilden.


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