Gedenkfeiern am Sonntag Lingens OB Krone: Tag der Schande, Tag der Freude

Von Thomas Pertz


Lingen. Der 9. November ist ein denkwürdiges Datum in der deutschen Geschichte. Mit Freude verbunden – wie beim Mauerfall vor 25 Jahren. Mit Scham – angesichts der brennenden Synagogen in Deutschland 1938.

Am Sonntagnachmittag und am Abend gedachten Bürger in Lengerich und Lingen der jüdischen Mitbürger in der Region. Sie erinnerten an die Synagoge, die auch in Lingen ein Opfer der Flammen wurde, und an die Gemeindemitglieder, von denen die meisten später Opfer des Terrorregimes der Nationalsozialisten wurden. In Freren wird an diesem Montag unweit des jüdischen Bethauses in der Grulandstraße der jüdischen Mitbürger gedacht.

Im Bürgerpark in Lengerich versammelten sich Sonntagnachmittag über 50 Menschen am 1987 errichteten Gedenkstein für die acht Familienmitglieder der Heilbronns, die dem Holocaust zum Opfer gefallen waren. Der 9. November 1938 sei der entscheidende Wendepunkt gewesen hin zu unvorstellbaren Grausamkeiten gegenüber dem jüdischen Volk, sagte Samtgemeindebürgermeister Matthaus Lühn. Der Lengericher Verwaltungschef machte gleichzeitig deutlich, dass Gedenktage wie diese nicht rückwärtsgewandt seien. Vor dem Hintergrund rechtsextremistischer Gewalttaten in Deutschland gelte es weiter wachsam zu sein. „Hier ist nicht nur der Staat in der Pflicht, wir alle sind es“, sagte Lühn. Der Samtgemeindebürgermeister sprach Gerhard Sels seinen Dank aus, der sich in besonderer Weise um die Erinnerung an die jüdischen Bürger Lengerichs verdient gemacht habe. Sels hatte kürzlich dazu ein Buch herausgebracht . Die Dokumentation „Vom Leben und Sterben der Lengericher Juden“ ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschungen des Lengerichers.

Der Vorsitzende des Forums Juden-Christen, Heribert Lange, machte im Bürgerpark deutlich, dass es der Maßstab der Humanität sei, an dem sich heute jedes Tun und Handeln messen lassen müsse. Nur die Erinnerung an die Geschichte könne vor neuen Ausgrenzungen bewahren, ob es nun Alte, Asylsuchende, Homosexuelle, Roma oder Kranke seien.

Am Sonntagabend, bei der Gedenkfeier an der Jüdischen Schule in Lingen, bezeichnete Lingens Oberbürgermeister Dieter Krone den 9. November als Schicksalstag der Deutschen. Wie kein anderes Datum stehe er für die Gebrochenheit der deutschen Geschichte. Beide Daten, der 9. November 1938 und der 9. November 1989 machten deutlich, dass sich Freiheit, Demokratie und Mitmenschlichkeit nicht von alleine durchsetzen ließen und auch nicht automatisch erhalten bleiben würden. „Diese Werte sind darauf angewiesen, dass aufrechte Bürger für sie eintreten und das ein gesellschaftliches Klima entsteht, dass jede Form von Rassismus und Gewalt ächtet.“ Krone forderte die vielen Teilnehmer, darunter auch Jugendliche, dazu auf, allen antisemitischen Tendenzen entgegenzutreten. Es bedrücke ihn sehr, wenn in Internetforen in Lingen wieder von Neonaziparolen zu lesen sei. Solche Leute hätten aus der Geschichte nichts gelernt.


Erinnerung an die Hanauers in der Schlachterstraße 12 in Lingen

Schlachterstraße 12 in Lingen – nur wenige Gehminuten vom Gedenkort Jüdische Schule entfernt. Hier wohnten seit Juni 1931 der Kaufmann Max Hanauer und seine Frau Johanne mit ihrem Sohn Heinz. Nach der Kranzniederlegung am Gedenkort erinnerte Anne Scherger vor den Stolpersteinen in der Schlachterstraße an deren Schicksal.

Max Hanauer gehörte zu den jüdischen Frontkämpfern des Ersten Weltkrieges, die mit Auszeichnungen in die Heimat zurückgekehrt waren. Das sollte aber weder ihn noch seine Ehefrau und Sohn vor den Nazischergen schützen.

Am 2. Mai 1944 starb der Lingener im Getto Theresienstadt im heutigen Tschechien. Seine Frau Johanne wurde am 9. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. „Nun trete ich meine letzte Reise nach A. an. Euer Lisettchen“, schrieb Johanne Hanauer, deren Spitzname Lisettchen war, an die Familie Körner in Lingen.

Zu diesem Zeitpunkt war ihr Sohn Heinz bereits tot. Gerade erst 14 Jahre alt war er, als er von Lingen aus 1939 nach Holland auswanderte, um von dort aus in die USA zu emigrieren.

„Aber dazu kam es nicht mehr. Heinz Hanauer wurde 17-jährig über das Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz deportiert und dort am 30. September 1942 ermordet.“ So schreibt es Anne Scherger in ihrem Buch „Verfolgt und ermordet“, das die Leidenswege jüdischer Bürger in der Emigration, während der Deportation, im Getto und in den Konzentrationslagern nachzeichnet.