„Ich will in ihrer Mitte wohnen“ Archivalie des Monats: Die jüdische Synagoge in Lingen


Lingen. Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938: Die Synagoge am Gertrudenweg in Lingen brennt – wie so viele andere jüdische Gebetshäuser in dieser Nacht in Deutschland.

Die mit großer Verspätung eingetroffene Feuerwehr beschränkt sich darauf, ein Übergreifen des Feuers auf Nachbargebäude zu verhindern. Die Synagoge wird völlig zerstört, die kleine jüdische Schule daneben bleibt unversehrt. Sie ist heute ein Gedenkort zur Erinnerung an diesen 9. November vor 76 Jahren. Die Geschichte der jüdischen Gemeinde ist wesentlich älter. Sie zeichnet Mirko Crabus, Leiter des Stadtarchivs, in der „Archivalie des Monats“ nach.

Bis 1869 sind die Lingener Juden Teil der Synagogengemeinde Freren. Für den Bau einer eigenen Synagoge fehlt das Geld. In Freren nutzen sie gemeinsam mit ihren Glaubensgenossen aus Freren, Lengerich, Thuine und Fürstenau einen Gebetsraum im Hause des Vorstehers Joseph Weinberg.

Inzwischen aber hat die Zahl der jüdischen Familien in Lingen zugenommen, und so fasst man 1867 den Beschluss, sich von der Frerener Gemeinde zu trennen und eine eigenständige Lingener Gemeinde zu gründen. Doch es bedarf noch zweijähriger Verhandlungen, bevor das Landrabbinat Emden, dem auch die Frerener Gemeinde unterstellt ist, die neue Gemeinde genehmigt und dem Lingener Stadtrat im Dezember 1869 einen Statutenentwurf vorlegt. Noch im selben Jahr erfolgt die Zustimmung der Königlichen Landdrostei in Osnabrück. Zum ersten Vorsteher wird der Kaufmann Isaak Friedland gewählt.

Auch über den Bau einer Synagoge war sich die neue Gemeinde bereits 1869 einig geworden. Dafür wurde extra ein eigener Fonds eingerichtet. Doch die finanziellen Möglichkeiten verzögerten die Umsetzung, und so wurde der Gottesdienst zunächst in einem angemieteten Raum im Wohnhaus Isaak Friedlands in der Lookenstraße abgehalten.

1871 stellte Friedland den Plan zum Bau einer Synagoge dem Stadtrat vor und rechnete mit Kosten von 1000 bis 1500 Talern. Der Stadtrat befürwortete den Bau, die Landdrostei Osnabrück aber bezweifelte die Finanzierbarkeit des Vorhabens. In den folgenden Jahren kam man dem Ziel nicht näher.

Am 2. Februar 1878 trafen sich 15 Gemeindemitglieder zur gemeinsamen Sitzung und beschlossen einstimmig den Vorschlag von H. Mendel, noch in diesem Frühjahr die Bauarbeiten für die neue Synagoge aufzunehmen. Tatsächlich bedeutete der Plan eine schwere finanzielle Belastung. Insgesamt 7500 Mark wollte die Synagogengemeinde für den Bau zur Verfügung stellen, musste die Synagoge dafür aber mit einer schweren Hypothek belasten. Errichtet wurde sie schließlich auf einem Gartengrundstück am Gertrudenweg (heute Synagogenstraße) vor den Toren der Stadt, das von der Familie Räkel erworben werden konnte. Auch ein eigenes Schulhaus wurde hier gebaut.

Die Synagoge entstand aus roten Ziegelsteinen. Zur Straßenseite hin waren in hebräischer Schrift die Worte aus dem Buch Exodus eingelassen: „Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, und ich will in ihrer Mitte wohnen.“ Im Hauptraum befand sich der Schrein mit den Thorarollen, das ewige Licht, außerdem ein kleines Pult für den Kantor oder Vorbeter und ein größeres Pult für die Lesung der Thora. Am 19. September 1878 wurde die Synagoge feierlich eingeweiht. 1923 wurde eine Gedenktafel enthüllt, die an die vier im Ersten Weltkrieg gefallenen Gemeindemitglieder erinnerte.

Begleitet wurden die Bauarbeiten an der Synagoge von antisemitischen Anekdoten und gehässigen Kommentaren des „Lingener Volksboten“. Über Monate hinweg machte das zentrumsnahe Blatt so Stimmung gegen die jüdische Bevölkerung. Einen Monat vor der Einweihung wurde der Redakteur der Zeitung, nachdem er die Lingener Juden ungerechtfertigt des Diebstahls bezichtigt hatte, zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt. Dennoch setzten der Volksbote und später der im selben Verlag erscheinende „Westfälische Bauernkalender“ die polemischen Angriffe fort. Bei den sprachlichen Angriffen blieb es nicht…


Quellen und Literatur: - Stadtarchiv Lingen, Altes Archiv Nr. 2082.- Stadtarchiv Lingen, Fotosammlung.- Arbeitskreis Judentum Christentum/ Pax Christi Gruppe Lingen (Hg.): Verfolgt – Emigriert – Ermordet. Emigrantenschicksale Lingener Juden. Reader zur Ausstellung. 25. April – 9. Mai 1996 im Emslandmuseum Lingen, Lingen 1996.- Garmann, Josef: Untersuchungen zur Geschichte der Juden in der Emsstadt Lingen bis zum Ende des I. Weltkrieges, , Münster 1968.- Remling, Ludwig: Art. „Lingen“, in: Obenaus, Herbert (Hg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen und Bremen, Göttingen 2005, S. 993-1001.