Rekers disponiert um, Kiosk schließt GDL-Streik: Kein Kies in Spelle, kein Kaffee in Lingen

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Elektronisch zum Mitlesen: Wegen des Streiks bei der GDL war der Bahnhof in Lingen am Donnerstag verwaist. Foto: Thomas PertzElektronisch zum Mitlesen: Wegen des Streiks bei der GDL war der Bahnhof in Lingen am Donnerstag verwaist. Foto: Thomas Pertz

Lingen. Regelmäßiger Bahnfahrer ist Michael van den Heuvel nicht, über den Streik der Lokführergewerkschaft GDL ärgert er sich trotzdem. Van den Heuvel ist beim Betonwerk Rekers in Spelle für den Einkauf zuständig. Einkäufe, die in Tonnen abgerechnet werden. 2000 Tonnen Sand und Kies passen auf einen Zug. Theoretisch.

Die Praxis sieht am Donnerstag anders aus. „Seit heute sind zwei von drei Materialzügen für uns ausgefallen“, berichtet van den Heuvel auf Anfrage unserer Redaktion. Das mittelständische Unternehmen mit rund 700 Mitarbeitern gehört nach eigenen Angaben zu den leistungsfähigsten Anbietern von Betonprodukten in Deutschland. Es nutzt Straße, Schiene und Wasserwege gleichermaßen für seine Logistik. Deshalb hat der Streik der Eisenbahner auch Einfluss auf die Materialbeschaffung an der Portlandstraße, „aber keinen auf die aktuelle Produktion“, wie van den Heuvel deutlich macht.

Er geht davon aus, dass in dieser Woche kein Zug mehr mit Kies und Sand das Werk erreichen wird. „Man hat uns in Aussicht gestellt, dass die Fahrten nachgeholt werden. Was da am Montag auf den Gleisen los sein wird, kann man sich vorstellen“. Das Unternehmen werde deshalb verstärkt den Transportweg Straße nutzen müssen. Der Zeitkorridor werde schmaler, da der Winter bevorstehe und der Materialtransport in unbeheizten Waggons dann nicht mehr möglich sei. Für die Alternative Lkw macht van den Heuvel diese Rechnung auf: Eine Materialladung von 2000 Tonnen im Zug, geteilt durch einen Lkw mit 25 Tonnen Fassungsvermögen, macht 80 Laster auf der Straße.

Keine Sorgenfalten ruft der Streik der GDL bei den Verantwortlichen der BP-Raffinerie in Lingen hervor, obwohl dort jede Woche mehrere Züge mit Rohölprodukten das Werk im Ortsteil Holthausen verlassen. „Wir arbeiten mit der Deutschen Bahn zusammen, aber eben auch mit privaten Dienstleistern“, sagt BP-Sprecher Jochen Storm. In dieser Woche seien es ausschließlich private Unternehmen, die den Weitertransport auf der Schiene gewährleisteten. Die Raffinerie habe im Übrigen auch die Möglichkeit der Zwischenlagerung in Tanks.

Zugig ist es Donnerstag am Lingener Bahnhof – auch wenn kaum ein Zug fährt. Der kalte Wind bewegt das Herbstlaub, ansonsten bewegt sich nichts. In der Eingangshalle sitzen vier Fahrgäste, die auf den Emslandexpress hoffen. Der soll laut Bahn an diesem Streiktag alle zwei Stunden zwischen Rheine und Emden durch das Emsland fahren. Hilde Menke aus Lohne wollte bis Hamburg. Die Reise hat sie nun storniert. Der Bedienstete der Bahn am Auskunftsschalter im Reisezentrum hat an diesem Tag keinen leichten Job, muss er doch so manche Beschwerde über sich ergehen lassen. Da ist er über die verständnisvolle Seniorin aus Lohne ganz froh. Sie bedauert zwar, dass die Bahnfahrt nach Hamburg nun ausfällt, sagt aber auch, dass das Streikrecht ein hohes Gut sei. „Überstunden ohne Ende, das staut sich“, berichtet der Bahnvertreter über Lokführer-Kollegen, während er der Lohnerin das Geld für die Fahrt zurückerstattet.

Draußen vor dem Eingang zum Bahnhof gibt es am mobilen Kiosk alles, was ein Bahnreisender gebrauchen kann: einen dampfend heißen Kaffee, die Zeitung oder Zeitschrift, was Süßes zum Knabbern. Das alles nutzt aber nichts, wenn es an Bahnreisenden fehlt. Inhaber Julius Frilling ist deshalb „not amused“, wie er am Donnerstag betont. Als Konsequenz daraus wird er den Kiosk am Samstag und Sonntag schließen. Die gesunkenen Umsätze wegen des Streiks ließen keine andere Entscheidung zu. Bei allem Verständnis für die Forderungen der Gewerkschaft „sollte man es auch nicht übertreiben“, kritisiert Frilling die Arbeitsniederlegungen. Er hat den Kaffee auf – verkauft hätte er ihn lieber.

Aktuelles zum Streik der Lokführer auf www.noz.de/bahn


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