Gegen die Wohnungsnot Student des Campus Lingen lebt im Wohnwagen

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Lingen. „Not macht erfinderisch – Wohnungsnot erst recht“, denkt sich Mirco Mehrhoff, als er 2013 die Zusage für einen Studienplatz auf dem Campus Lingen bekommt, aber im Internet nur auf teure Wohnungsangebote stößt. Seitdem lebt der 30-Jährige im Wohnwagen, den er auf dem Gelände des Lingener Islandpferde-Reitervereins abgestellt hat.

Mehrhoff findet vor Beginn seines Studiums zum Wirtschaftsingenieur keine seinen finanziellen Vorstellungen entsprechende Wohnung in Lingen. „Ich bin nicht bereit, für ein kleines Zimmer mit Bad und Küche 350 Euro zu zahlen“, sagt er. Dafür bekomme er in seiner Heimat nahe bei Minden eine „Traumwohnung“.

Also entwickelt der Campingfan, der seit mehreren Jahren den fast 25 Jahre alten Wohnwagen seines Vaters regelmäßig nutzt, eine kühne Idee: „Ich lebe die ersten drei Monate im Wohnwagen.“ In dieser Zeit möchte er die „Leute kennenlernen, eine Wohngemeinschaft finden“.

Doch wohin mit dem Wohnwagen? Mehrhoff entwirft einen Plan. „Ich stamme vom Land, mein Onkel hat Pferde.“ Mehrhoff sucht im Internet nach Bauernhöfen in der Nähe von Lingen – „Bauern sind meistens nette Menschen“ – und entdeckt dabei eher zufällig das Gelände des Islandpferde-Reitervereins . Ein erster Anruf dort löst Irritationen aus. „Ich sollte meine Idee und mich per E-Mail präsentieren und wurde etwa drei Wochen später zu einem ‚Vorstellungsgespräch‘ eingeladen“, erklärt Mehrhoff.

Es wird ein Gespräch, an das sich auch Anne Klaas, Vorsitzende des Reitervereins, erinnert: „Wie werden wir den bloß wieder los?“, habe sie sich spontan gefragt, nachdem der Vorstand des Vereins beschließt, Mehrhoff für drei Monate zu erlauben, seinen Wohnwagen auf dem Vereinsgelände abzustellen.

Heute, Mehrhoff ist im dritten Semester und campt seit über einem Jahr an der Reitbahn, hat Klaas ihre Meinung gründlich revidiert: „Mirco ist für uns als Verein super gut. Er hilft, wo er kann, ist handwerklich geschickt und haut richtig rein.“ Mehrhoff hilft beim Reinigen des Geländes, führt Reparaturen durch, mäht den Rasen und fegt das Laub von der Reitbahn. Zudem unterstützt er bei der Vorbereitung von Turnieren. „Dafür darf ich im Vereinsheim die Dusche sowie die Toilette benutzen und bekomme auch den Strom von dort“, erklärt der Student.

Genauso hart wie bei den Freunden der Islandpferde hat Mehrhoff auch an sich selbst gearbeitet. Nach einer Fleischerlehre – „die Gesellenprüfung habe ich verschenkt“ – und der Ausbildung zum Kfz-Mechaniker war er von 2008 bis 2013 Werkstattleiter in der Niederlassung eines auf Hydraulik spezialisierten Unternehmens. „Ich habe gemerkt, dass ich mit meiner Qualifikation dort am Ende der Karriereleiter angelangt war.“

Mehrhoff will mehr, holt auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach. „Von 7 bis 17 Uhr habe ich jeden Tag gearbeitet. Um 17.45 Uhr ging fünfmal in der Woche die Abendschule, die bis 22 Uhr dauerte, los.“ Nicht viele der insgesamt 24 Kursteilnehmer halten diese Belastung durch – Mehrhoff schon. Er schafft nach dreieinhalb Jahren Dauerstress sein Abitur, ist stolz darauf.

Damit ist er seinem großen Ziel zu studieren, recht nahe. Doch welcher Studiengang soll es werden? Mehrhoff schwebt Maschinenbau vor. Von der Hochschule Osnabrück erhält er eine Zusage – und entdeckt den Campus Lingen. „Ich habe mich sofort in dieses Gebäude mit den alten Kranbahnen verliebt.“ Und auch eine Alternative zum Maschinenbau tut sich auf. „Als ich die Studienpläne für Wirtschaftsingenieurwesen gelesen habe, dachte ich, das liegt mir noch mehr.“

Auch das Leben im Wohnwagen liegt Mehrhoff. Anne Klaas glaubt nicht so ganz, dass sich ihr zunächst für drei Monate akzeptierter Gast in dieser Zeit wirklich nach einer Wohnung in Lingen umgesehen hat. „Ihm hat es von Anfang an gut bei uns gefallen.“ Eine Meinung, die Mehrhoff bestätigt: „Ich wurde hier sehr herzlich aufgenommen.“

Der angehende Wirtschaftsingenieur vermisst in seinem Wohnwagen weder Internet noch Fernsehen. „Radio ist ganz schön“, meint er. Und auch zu kalt wird es ihm nicht so schnell. „Während andere schon die Winterjacke anhaben, laufe ich noch im T-Shirt rum.“ Anderthalb Jahre Bundeswehr, die Mehrhoff ebenfalls hinter sich hat, lassen grüßen.

Einen Nachteil des Lebens in einem im Wald stehenden Wohnwagen gibt Mehrhoff dann am Ende doch noch zu: „Ich habe hier, selbst nach Hochschulpartys, noch nie ‚Damenbesuch‘ gehabt.“

Weitere Berichte vom Campus Lingen lesen Sie auf www.noz.de/campus-lingen .


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