Menschliche Abgründe gezeigt „Bestie Mensch“ in Lingen aufgeführt

Von Meike Blunk

Im Kulturforum wurde das Stück „Bestie Mensch“ aufgeführt. Foto: Meike BlunkIm Kulturforum wurde das Stück „Bestie Mensch“ aufgeführt. Foto: Meike Blunk

Lingen. Dem Metropol-Ensemble und der Bühne Cipolla in Kooperation mit der Bremer Shakespeare-Company ist mit der Bearbeitung des Romans „Bestie Mensch“ (ursprünglicher Titel: „Das Tier im Menschen“) von Emile Zola ein ganz genialer Theater-Kunstgriff gelungen.

Die Bearbeitung brachten Sebastian Kautz (Schauspiel und Puppenspiel) und der Musiker Gero John (Cello, E-Piano und Soundeffekte) vor einem begeisterten Publikum im Kulturforum Sankt Michael auf die Bühne.

Bereits zum zweiten Mal gastierte das wundervoll aufeinander eingestimmte Duo im Kulturforum und berührte nun erneut das Publikum mit dieser skurril spannenden Geschichte und den markant ausdrucksstarken Figuren (Melanie Kuhl).

Dass Kautz und John sich keine seichten Stoffe aussuchen, versteht sich, sofern man sie einmal auf der Bühne erleben durfte, fast von selbst. Die beiden hochkarätigen und sich aufs Feinste ergänzenden Künstler suchen die tiefe Auseinandersetzung. Mit viel Feingefühl beleuchteten sie die surrealen Aspekte und die grenzwertigen Gedankenauswüchse und Verhaltensweisen des Eisenbahners Jacques, des Stationsvorsteh- ers Roubaud und seiner Frau Severine sowie das Zusammenwirken von Gesellschaft und Individuum des geheimnisvollen Romans aus dem Jahr 1890 von Zola.

Kautz bearbeitete den Roman, indem es um menschliche Abgründe, mangelnde Empathie und eine starke Verehrung der Industrialisierung geht. Er verhalf den verschiedenen, hohlwangigen Charaktermasken durch eine organisch sinnliche Figurenführung zu einer Lebendigkeit und Eigendynamik, die seinesgleichen sucht. Kautz verschmolz förmlich mit seinen Puppen und verlieh ihnen – in unterschiedlicher Sprechweise – seine Stimme, sodass man das Gefühl hatte, es mit echten, sich bewegenden menschlichen Figuren zu tun zu haben. John ver- dichtete die Handlung und Spielweise Kautzs mit einem sensibel wie akzentuiert gespieltem Cello oder E-Piano. Auf subtile Weise griff er auch ins Geschehen ein, reichte Kautz Figuren und sorgte mit einem sphäri- schen Klangteppich für eine unter die Haut gehende Spannung.

Da Jacques Angst hat, irgendwann einmal mit einem Messer eine Frau töten zu können, lebt er ein isoliertes Leben. Seine Liebe zu seiner Lokomotive, die er La Lison nennt, gerät ins Unermessliche. Nachdem er dann Zeuge des Mordes an Grandmarin wird, der vor Jahren die junge Severine miss brauchte, überschlagen sich die Ereignisse und Verstrickungen der stets unter Eigennutz handelnden Figuren. Geniale Spielideen verdichteten die spannende Handlung.

Dehnbare Wahrheit

Der Untersuchungsrichter verkörperte mit einem spiralförmigen Unterleib die Dehnbarkeit der Wahrheit, einem dicken Richter ging die Luft aus und die Lokomotive bekam gespenstige Züge auf einem Netz von Gleisen, auf denen förmlich ein aufrichtiges Miteinander auf der Strecke blieb.

Die Inszenierung der Bremer Künstler machte den Theaterbesuch zu einem ganz außergewöhnlichen Theatererlebnis, bei dem der bravourös agierende Kautz fast hinter seinen Figuren verschwand.