Fataler neuer Trend Lingener Suchtexperte: Geringe Chancen bei Sportwetten

Von Christiane Adam

Neugierige Blicke zog Markus Teepker auf sich, als er sich hinter einer riesigen Zeitung versteckte. Foto: Christiane AdamNeugierige Blicke zog Markus Teepker auf sich, als er sich hinter einer riesigen Zeitung versteckte. Foto: Christiane Adam

Lingen. Wetten, dass es bei Sportwetten letztlich nur einen Gewinner geben kann? Und das ist immer der Betreiber eines Wettbüros, egal ob online oder vor Ort, denn: „Glücksspielanbieter geben nur einen Teil der Einsätze an die Spieler zurück“, heißt es in der Broschüre mit dem Titel „Wetten, dass du das noch nicht wusstest?“.

Die Broschüre haben die Niedersächsischen Landesstelle und die Hessische Landesstelle für Suchtfragen herausgegeben. Markus Teepker ist Sucht- und Sozialtherapeut bei der Fachambulanz Sucht des Diakonischen Werkes Emsland-Bentheim. Er weiß, dass beim Glücksspiel die Chancen auf den großen Gewinn gegen null tendieren. „Und doch glaubt jeder Spielsüchtige, dass er einer der wenigen sein kann, die gewinnen“, weist Teepker auf den Irrglauben hin, dem alle Spieler erlegen sind.

Der neueste Trend im Glücksspiel seien Sportwetten. Durch die Fußballweltmeisterschaft seien diese im Alltag präsent, ob als App auf dem Smartphone oder im Internet oder zum Teil als örtliches Wettbüro. Hier komme noch ein anderer Faktor hinzu: „Wenn du dich in einer Sportart super auskennst, dann kannst du richtig viel gewinnen“, werde suggeriert. Teepker hält diesen Irrglauben für besonders gefährlich. Der für das Emsland zuständige Gesundheitsexperte: „Die Betroffenen bilden sich ein, gewinnen zu können, weil sie Ahnung von der jeweiligen Sportart haben. Dazu kommt, dass durch die Verknüpfung mit dem Thema Sport die ganze Sache einen Anstrich von ehrbarer Freizeitbeschäftigung bekommt. Sportbegeisterte tauschen sich im Wettbüro aus. Das wirkt natürlich anders, als in einer Spielhalle an Automaten zu zocken.“

Seit in Großbritannien der Markt für Sportwetten geöffnet wurde, sei dort ein dreißigprozentiger Anstieg von Glücksspielsüchtigen zu verzeichnen gewesen, und auch in der Fachambulanz in der Bögenstraße sei derzeit eine deutlich vermehrte Anzahl von Hilfesuchenden zu spüren. Dabei geht es zum einen um einen psychischen Leidensdruck.

Umfeld wird belogen

„Viele Glücksspieler belügen ihr nächstes Umfeld. Das belastet sie in der Regel am meisten“, weiß Teepker zu berichten. Aber es geht auch um zum Teil riesige Summen: Teepker nennt hier Schuldenberge zwischen fünftausend und einhundertfünfzigtausend Euro, die seine Klienten aufgrund von Glücksspiel abzutragen hätten. Aber er macht auch Hoffnung: Glücksspiel ist gut therapierbar, so seine Erfahrung. Das dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich hierbei um eine chronische Krankheit handelt.

Daher hat sich in Lingen eine Selbsthilfegruppe gegründet, die sich regelmäßig trifft und auch akut Betroffenen durch ihre Geschichte helfen möchte. Den Aktionstag Glücksspielsucht nutzte der Suchttherapeut, um auf dem Lingener Marktplatz insbesondere auf die Gefahren des neuen Trends der Sportwetten aufmerksam zu machen. Sein Ziel: Mit einer paradoxen Aktion Passanten neugierig zu machen. Statt eines Aktionsstandes, der häufig eher abschreckend wirke, versteckte er sich hinter einer riesigen Zeitung und warnte mit einem Schild „Finger weg“ davor, sein altes Fahrrad anzufassen.

Weitere Infos zum Thema gibt es unter www.nls-gluecksspielsucht.de und konkret für das südliche Emsland unter www.diakonie-emsland.de .

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