Demokratie nicht verordnen Stipendiaten des Cusanuswerkes im Lingener LWH


wivo Lingen. Um die Zukunft der Demokratie haben sich rund 70 Stipendiaten des Cusanuswerkes im LudwigWindthorst Haus in Lingen-Holthausen Gedanken gemacht. Bei der Akademie stehen insbesondere theoretischen Grundlagen, die historische Entwicklung sowie eine kritische Betrachtung, etwa zur direkten Demokratie, im Zentrum des Programms aus Vorträgen und Workshops.

„Von der Repräsentation zur Simulation? Krisenszenarien und Zukunftsprognosen“: So lautete der Titel des Vortrags von Prof. Hans Vorländer, Leiter des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der TU Dresden. Vorländer sprach zum einen vom Aufstieg und Verfall von Demokratien, zum anderen von der aktuellen Lage dieser Regierungsform in Deutschland, in Europa und weltweit.

Als Einstieg in seinen Vortrag wählte Vorländer das Scheitern der Weimarer Republik mit der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 als Beispiel für eine gescheiterte Demokratie. Heute gibt es nach seinen Ausführungen eine Vielzahl von Staaten, die sich Demokratien nennen. Nach Vorländer ist das Verständnis von Demokratie jedoch sehr verschieden. Ein Rechtsstaat oder die Sicherung von Grund- und Menschenrechten sei nicht automatisch durch die Deklaration einer demokratischen Staatsform gegeben.

Der Versuch, autoritäre Systeme zu stürzen und eine Demokratie einzusetzen, sei in vielen Fällen gescheitert, führte der Referent weiter aus. Als Beispiel brachte er hier Afghanistan an. Nach dem Sturz der Taliban-Regierung sei es bislang zu keiner Befriedung des Landes gekommen.

Zur Etablierung einer Demokratie trage unter anderem die Trennung von Kirche und Staat bei, erklärte der Dozent weiter. Religiöse Konflikte innerhalb eines staatlichen Systems, die häufig nicht zu lösen seien, behinderten und destabilisierten den Aufbau einer demokratischen Staatsform.

In Deutschland arbeiteten Staat und Kirche in einigen Bereichen zusammen, seien aber grundsätzlich getrennt. Eine staatliche Gewalt, die im Zweifel eingreifen oder auch Toleranz anderen Gruppen gegenüber zulassen könne, sei unabdingbar für die Entwicklung einer Demokratie, so Vorländer.

Die mehrtägige Veranstaltung im LWH geht Freitag zu Ende. Die Stipendiaten des Cusanuswerkes kommen aus der ganzen Bundesrepublik und der Schweiz. Bei einem Planspiel unter den Studenten sollten neue Richtlinien für die Klima- und Energiepolitik festgelegt werden. Dazu wurden vier Gruppen gebildet, der Ministerrat, das Europäische Parlament, Lobbygruppen und die Kommission. Die Teilnehmer sollten für die Langwierigkeit politischer Entscheidungsprozesse sensibilisiert werden. Sie mussten diskutieren und zusammen Kompromisse finden, auf die sich jede Gruppierung einlassen konnte.

„Durch das Planspiel bekommen wir eine höhere Sensibilität, ob Probleme aus der aktuellen Lage heraus entstehen oder das Problem im System liegt“, erklärte Hermann Blum (20). Sarah Delere (23), Studentin aus Berlin, sagte: „Meine Meinung zur Demokratie hat sich nicht grundlegend geändert. Aber ich konnte mir in diesen Tagen über Feinheiten Gedanken machen, und mir wurde bewusst, wie glücklich ich mich schätzen kann, in einer funktionierenden Demokratie zu leben.“

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Das Cusanuswerk ist das Begabtenförderungswerk der katholischen Kirche. Es vergibt staatliche Fördermittel an katholische Studierende aller Fachrichtungen. Wesentlicher Bestandteil neben der finanziellen Förderung ist ein umfassendes, interdisziplinär angelegtes Bildungsprogramm, das durch Diskussion über Wissenschaft und Glaube, die Verantwortungsbereitschaft und Dialogfähigkeit der Stipendiaten stärken will. Ergänzt wird das Bildungsprogramm durch ein geistliches Angebot sowie die tutorale Begleitung während des Studiums. Namenspatron ist Nikolaus Cusanus, ein Gelehrter des Spätmittelalters. Weitere Informationen unter www.cusanuswerk.de .