Akten im Mittellandkanal Liebe und Leidenschaft auf Gut Herzford in Lingen

Verzaubert: Eine romantische Idylle hat Gut Herzford zu bieten. Foto: Andreas EiynckVerzaubert: Eine romantische Idylle hat Gut Herzford zu bieten. Foto: Andreas Eiynck

Lingen. Nach einem langjährigen Erbstreit vor dem Reichskammergericht fiel Schloss Herzford 1773 an die Nachfahren der Verwandten des Erbauers Hermann Werner von Schorlemer, der 1766 hochbetagt und kinderlos verstorben war. Seine Schwester hatte einen Grafen von Nesselrode-Ehreshoven geheiratet, und so kam das Gut Herzford durch Erbschaft in diese Familie.

Eine Tochter des Hauses heiratete kurz nach 1800 einen Baron Gustav von Müller, früher Offizier in Hannoverischen Diensten, und zog mit ihm auf das Schloss Herzford. Das Ehepaar hatte drei Kinder, zwei Töchter und den Sohn Karl-Victor, den späteren Erben von Herzford. Die Ehefrau muss um 1810 verstorben sein. Müller diente in der Franzosenzeit als Maire (Bürgermeister) für den Bezirk Emsbüren-Salzbergen-Schepsdorf. Dokumente mit seiner Unterschrift, zum Teil in französischer Sprache, sind noch in vielen öffentlichen und privaten Archiven im Emsland erhalten.

Über ihre Verwandte Auguste Caroline von Nesselrode weiß die bisherige Forschung Unglaubliches zu berichten. Man hatte sie im zarten Alter von 15 Jahren mit ihrem Vetter Johann Wilhelm Carl Graf von Nesselrode-Reichenstein vermählt. Diese Ehe konnte aber nicht vollzogen werden, da ein Ehehindernis bestand – wohl aufseiten des Bräutigams. Die Braut lebte daher weiter bei ihrer Mutter. Dort wurde sie vom Baron Gustav von Müller entführt. Nach Annullierung der ersten Ehe heirateten die beiden 1819, und sie zog zu ihm auf das Schloss Herzford, das ihr durch Erbschaft zufiel. Eine Tochter dieses Ehepaars war allerdings bereits 1817 in Schepsdorf getauft worden.

Gerne würde man mehr über die Hintergründe der ersten Ehe und vor allem über die Entführung der Braut erfahren. Wo die entsprechenden Dokumente zu finden wären, haben Regine Schiel und Andreas Eiynck bei ihren Recherchen auch längst ausgemacht: im Bestand von Nesselrode in der heutigen Abteilung Rheinland des Nordrhein-Westfälischen Landesarchivs in Duisburg. Doch die werden als Langzeitfolge des Zweiten Weltkriegs erst ganz allmählich wieder verfügbar.

Die Familie von Nesselrode besaß mehrere Schlösser im Bergischen Land. Die Linie von Ehreshoven verwahrte ihr Archivgut, zu dem auch die Herzforder Akten gehörten, auf Schloss Ehreshoven. Als das Gut 1920 verkauft wurde, kam das Archiv zunächst auf das Schloss Velen im Münsterland und später als Leihgabe in das Staatsarchiv Düsseldorf.

Als 1942 die großen Luftangriffe auf die deutschen Städte einsetzten, begann das Staatsarchiv mit der Verlagerung seiner Bestände in einen Stollen im Harz. Dabei schien den Archivaren ein Schiffstransport sicherer als ein Bahntransport. Anfang 1945 wurden Teile des Staatsarchivs mitsamt den Nesselroder und Herzforder Akten auf das Binnenschiff „Main 68“ gebracht und verließen Düsseldorf in Richtung Helmstedt. Doch Luftangriffe, Eisgang und widrige Umstände machten diesen Transport zu einer abenteuerlichen Odyssee, die schließlich bei einem Luftangriff auf den Hafen von Hannover-Linden auf dem Boden des Mittellandkanals endete.

Die rund 25 Tonnen Papier saugten sich sofort mit Wasser voll, konnten aber später geborgen werden. Sie waren verklumpt und wurden bei der Trocknung von Schimmelpilzen befallen. Jahrzehntelang lagerten sie als „unbenutzbares Archivgut“ im Staatsarchiv Düsseldorf, und erst in den 1970er-Jahren begann ihre Restaurierung. Noch 1996 ging man von zwei Millionen Blatt zu bearbeitender „Kahnakten“ aus. Von 2002 bis 2005 wurden neue Methoden zur Restaurierung erprobt, und heute sind die meisten Akten wiederhergestellt, vom Schimmel befreit und wieder zugänglich. Nicht alle Aktenstücke konnten jedoch wieder in einen vollständig lesbaren Zustand versetzt werden, und häufig blieben auf den restaurierten Blättern Fehlstellen zurück. Jetzt sind die Geschichtsexperten gespannt, was sich darin über Auguste Caroline von Nesselrode und ihre beiden Ehemänner sowie das Schloss Herzford wohl noch finden lässt.

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