Schorlemer vollendet Bauwerk Familiendramen auf Schloss Herzford in Lingen


Lingen. Die Familie von Schorlemer besaß von alters her mehrere Rittergüter im Raum Lippstadt. Im dortigen Stadtarchiv befindet sich auch das historische Familienarchiv mit zahlreichen Herzforder Akten. Die Historikerin Regine Schiel aus Münster hat sie durchforstet und viele Informationen über den Bau des Schlosses und seine Bewohner im 18.Jahrhundert gefunden.

Warum Hermann Werner von Schorlemer um 1719 ausgerechnet das einsame Gut im fernen Emsland erwarb, ist völlig unklar. Wahrscheinlich war es Zufall, denn der Adelige hatte dem ewig klammen münsterischen Fürstbischof Franz Arnold finanziell unter die Arme gegriffen und sich dafür eines seiner Güter verpfänden lassen.

Als der geistliche Landesherr Weihnachten 1718 starb, ahnte von Schorlemer wohl bereits den drohenden Konkurs seines Schuldners und war schon am übernächsten Tag in Herzford zur Stelle, um in Begleitung eines Notars Besitz von dem noch mitten im Bau befindlichen Schloss und den Ländereien zu ergreifen. Es dauerte dann aber noch eine ganze Weile, bis der neue Fürstbischof Clemens August ihm das Gut Anfang August 1720 offiziell übertrug.

Nun ließ von Schorlemer das Herrenhaus um die beiden Seitenflügel zum Garten erweitern und das Bauwerk vollenden. Das neue Schloss enthielt unter anderem einen Saal auf der Gartenseite, ein Gartenzimmer mit „blauen Steinen“ (Fliesen) und ein „kleines Zimmer mit blauen und weißen Steinen“. Das große Allianzwappen der Eheleute Werner von Schorlemer und seiner Ehefrau Antoinette Christine von Brabeck über dem Hauptportal erinnert bis heute an die Erbauer des barocken Kleinods.

Als Frau von Brabeck 1735 starb, kreiste über dem Gut bereits der Pleitegeier, denn von Schorlemer war mittlerweile hoch verschuldet. Rettung versprach eine weitere Heirat – dann winkte die üppige Aussteuer einer standesgemäßen Braut. Und die fand der Schlossherr in Maria Alexandrina von Korff gnt. Schmiesing. Die Glückliche war zwar bereits als Stiftsdame in das Reichsstift Borghorst im Münsterland eingetreten, wechselte 1736 jedoch in den Ehestand, wobei ihr Herzford laut Ehevertrag als späterer Witwensitz winkte.

1740 nahm der Baron bei seiner „geliebten Frau Gemahlin“ ein Darlehen von stolzen 10000 Reichstalern auf, um seine wachsenden Schulden zu bedienen. 1742 stifteten die Eheleute noch gemeinsam die Nepomukfigur für die Schlossbrücke und richteten sogar eine Stiftung für eine jährliche Nepomukfeier in der Kapelle in Elbergen ein. Johannes von Nepomuk, 1729 heilig gesprochen, galt als Bewahrer des Beichtgeheimnisses, der auch in Fragen der ehelichen Treue seiner Beichtkinder stets dichthielt. Dafür wurde er vom böhmischen König, der seine Frau der Untreue verdächtigte, in die Moldau geworfen, aber von Engeln auf wundersame Weise gerettet. Gab es solche Ahnungen etwa auch beim kinderlosen Ehepaar von Schorlemer?

Anfang 1744 war es mit der großen Liebe jedenfalls vorbei, und es begann ein Scheidungskrieg um Geld und Güter, der sich auch nach dem Tod der einstigen Ehepartner vor dem Reichskammergericht in Wetzlar und der Lehnkammer in Münster noch über mehrere Jahrzehnte hinzog. Schließlich wurde Herzford 1773 den Erben von Schorlemer und somit der Adelsfamilie von Nesselrode aus dem Bergischen Land zugesprochen. Über die Einzelheiten geben elf Bände Reichskammergerichtsakten im Landesarchiv NRW Auskunft.

Leittragender des Prozesses war vor allem der Verwalter des Gutes, Hermann Werner Gens, der zwischen beiden Prozessparteien stand und schließlich vom neuen Eigentümer vor die Tür gesetzt wurde. Mit der Familie von Nesselrode zu Ehreshoven begann dann ein ganz neues Kapitel in der Geschichte von Herzford, über das in einer der nächsten Folgen berichtet wird.

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