Neue Daten, neue Fakten Geschichte von Gut Herzford in Lingen wird neu geschrieben

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Lingen. Vor drei Jahren sorgte eine dendrochronologische Untersuchung der Bauhölzer von Schloss Herzford für Aufsehen. Nun muss die Geschichte des Anwesens im Lingener Süden-Westen neu geschrieben werden.

Die Fälldaten der Balken und Sparren im Dachstuhl stammten aus zwei verschiedenen Bauphasen in den Jahren 1717/1718 und 1722/1723. Dies widersprach allen bisherigen Theorien zur Baugeschichte des Schlosses, das angeblich in den Jahren 1732/1734 erbaut worden ist und aufgrund stilistischer Vergleiche dem münsterischen Architekten Peter Pictorius dem Jüngeren (1673 bis 1735) zugeschrieben worden war.

Somit warfen die damaligen Ergebnisse zunächst mehr Fragen als Ergebnisse auf: Wie ist die fünfjährige Baupause, die auch mit einer Änderung der Planungen verbunden war, zu erklären? Welcher der Brüder Pictorius war wirklich der Bauherr des Schlosses, wenn wesentliche Teile der Gebäude bereits zu Lebzeiten des berühmten Baumeisters Johann Gottfried Laurenz Pictorius (1663 bis 1729) entstanden sind? Und wo sind überhaupt noch Unterlagen zur Geschichte des Schlosses zu finden, das 1853 quasi „besenrein“, also ohne Inventar und Schlossarchiv, an den Herzog von Arenberg verkauft wurde?

Bernd Merswolke, der als heutiger Eigentümer das Baudenkmal seit den 1970er Jahren mustergültig restauriert hat, beauftragte die Historikerin Regine Schiel und Andreas Eiynck, Leiter des Emslandmuseums, mit einer systematischen Aufarbeitung der Geschichte seiner Schlossanlage.

Schwierige Suche

Das Forscherteam machte sich zunächst auf die Suche nach den Archivnachlässen der früheren adeligen Besitzer von Herzford. Deren Nachfahren wohnen heute auf Schlössern im Rheinland und in Westfalen, sodass sich die Suche nach den alten Herzforder Akten zunächst unerwartet schwierig gestaltete. Einen entscheidenden Hinweis gab schließlich der Lingener Familienforscher Hans König, der durch Zufall im Stadtarchiv Lippstadt auf die Baurechnungen des Schlosses stieß.

Die Nachfahren der Familie Schorlemer, im 18. Jahrhundert Besitzer von Herzford, hatten diese Akten gemeinsam mit anderen Archivbeständen ihrer Vorfahren dorthin gegeben. Doch erst jetzt gelangte die Kenntnis dieser noch nie zuvor bearbeiteten Archivalien bis in das ferne Emsland. Regine Schiel hat diese Bestände ausgewertet und konnte daraus die Entstehungsgeschichte des Barockschlosses vollständig klären.

Die erste Bauphase des heutigen Herrenhauses 1717/1718 fällt noch in die Zeit des münsterischen Fürstbischofs Franz Arnold. Dieser hatte 1714 seinen Hof- und Kammerrat Anton Hellweg beauftragt, das Gut für ihn zu erwerben, um hier ein Jagdschloss zu errichten. Der Kauf erfolgte auf Hellwegs Namen, denn die Gläubiger saßen dem finanziell stets klammen Landesfürsten damals dicht auf den Fersen. Das notwendige Bauholz ließ der Bischof aus der Davert, einem Waldgebiet südlich von Münster, kommen: per Fuhrwerk bis nach Greven und von dort per Floß auf der Ems bis Herzford.

Doch nicht nur diese Details fand Regine Schiel in den vielen überlieferten Baurechnungen. Auch der Architekt des Schlosses wird darin genannt. Am 22. August 1717 lieferten die Lingener Bürger Erkmann und Vehrink laut Quittung ein Kalb, ein Schwein, Rindfleisch, Mettwurst und Eier auf die Baustelle. Dort wurden diese Spezialitäten am Tag darauf von „Major Pictorius und seinen Knechten“ verzehrt. Der Major Pictorius war aber kein anderer als der Barockbaumeister Johann Gottfried Laurenz Pictorius, der 1709 zum Major 1721 zu Obristleutnant in fürstbischofbischöflichen Diensten ernannt wurde.

Urkunde im Jahr 1720

Als der Bauherr Franz Arnold Weihnachten 1718 hoch verschuldet starb, fiel Herzford an einen seiner Gläubiger, Werner von Schorlemer. Er musste das Gut jedoch zunächst aus der Konkursmasse des Fürstbischofs herauslösen und erst 1720 erhielt er vom neuen Fürstbischof Clemens August endlich die Besitzurkunde für Herzford ausgestellt. Nun ließ von Schorlemer 1722/23 den Schlossbau unter Hinzufügung des Giebelausbaus und der beiden Seitenflügel vollenden. Für diesen Bauabschnitt zeichnete ebenfalls der Baumeister Pictorius verantwortlich, denn er organisierte laut Ausweis der Rechnungsunterlagen weiterhin die Bauarbeiten.

Mit diesen Erkenntnissen, die mit den Ergebnissen der dendrochronologischen Untersuchung genau übereinstimmen, dürfte die Baugeschichte des Schlosses nach Ansicht von Eiynck weitgehend geklärt sein. Doch in den Akten fanden sich weit mehr Hinweise auf die Besitzer und Bewohner des Schlosses. Darüber wird im Laufe dieses Thema der Woche in mehreren Beiträgen berichtet.


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