1954 mit NSU-Quick Lingener mit drei PS hinauf zum Schloss in Heidelberg

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Eine NSU-Quick fuhr Werner Tonske (links mit Frau Helga) 1954. Mit einem flotteren Motorrad waren Bekannte von ihnen (rechts) unterwegs. Foto: privatEine NSU-Quick fuhr Werner Tonske (links mit Frau Helga) 1954. Mit einem flotteren Motorrad waren Bekannte von ihnen (rechts) unterwegs. Foto: privat

Lingen. Ein langes Pfingstwochenende steht vor der Tür, ideales Ausflugswetter. Unser Mitarbeiter Werner Tonske erinnert sich daran, wie er einst auf drei PS die Schlossauffahrt in Heidelberg hinaufstürmte.

Es macht mir immer wieder Freude, mich an einem sonnigen Sonntagmorgen für eine kleine Spritztour in Lingens Umgebung aufs Fahrrad zu setzen. Die Sonne scheint, die Arbeit ruht und die Ausflügler, die mir begegnen, sind gut gelaunt. Ein Hauch von Urlaub liegt in der Luft. Oft radele ich auf dem Leinpfad zum Hanekenfähr. Am Wehr beobachte ich die Wasservögel, die Kanufahrer und Leute, die auf der Uferwiese rasten.

Als Belohnung für fleißiges Strampeln gönne ich mir dann auf der Terrasse des Hotels ein Glas Bier, bevor es wieder nach Hause geht. Hin und wieder zieht es mich auch zum Grünen Jäger, dem Treffpunkt der Biker. In der Sonne blitzt Chrom, zeigt sich ausgefeilte Technik, schlummern beachtliche PS-Stärken in hoch gestylten Maschinen, steigen Fahrer und Fahrerinnen in schicker, wetterfester Lederkleidung von den Sitzen.

Neugierig trete ich näher, erkundige mich bei einem der Biker nach dem Hubraum und der Leistung seiner Maschine. 1200 Kubik und 125 PS brächte sie auf die Beine, meint er und grinst, als ich nach dem Preis frage: „Dafür bekommen Sie schon einen Kleinwagen.“

Ich gehe in den Biergarten und erinnere mich an die Zeit nach dem Krieg, als Biker noch Motorradfahrer waren und statt wärmender Lederkleidung Leinenhose und Leinenjacke trugen. Statt eines Schutzhelms gab es eine Leinenhaube. Wir kauften uns 1954 ein Zweitakt-Leichtmotorrad: eine NSU-Quick, gebraucht, für 350 Mark. Baujahr 1949, mit 98 Kubik und drei PS Leistung. Höchstgeschwindigkeit 55 km/h. Statt des üblichen Kick- Starters besaß das Motorrad Pedale wie ein Fahrrad. Darauf treten, mit dem Drehgriff an der Lenkstange Gas geben und über einen Hebel den Gang einlegen – so verlief der Startvorgang.

Für meine Frau hatten wir einen nicht zum Standard gehörenden Sozius anbringen lassen. Nun konnte es losgehen. Wir waren noch sehr jung bei unserer ersten Urlaubsreise zum Seebad Scheveningen in Holland. Ich sehe den ansteigenden Damm noch vor mir, auf dem wir fuhren, um gleich darauf das Meer zu erblicken. Grau, mit ruhigem Seegang lag es vor uns. Es schien endlos zu sein. Jedenfalls für mich, der zum ersten Mal die Nordsee sah. Die Wirtin von unserer kleinen Pension war freundlich zu uns Deutschen, was neun Jahre nach Kriegsende in den Niederlanden nicht selbstverständlich war.

Wie bei der Anfahrt, hielt unser Vehikel auch auf der Heimfahrt nach Lingen tapfer durch. Nicht immer verlief alles glatt. Es gab eine Reihe von Stürzen mit dem doch recht unsicheren Fahrzeug. Unsicher vor allem, weil ich vom Sattel aus den Boden mit den Füßen nicht erreichte. Einmal hatte ich Glück, als mir auf der Waldstraße in Lingen ein Öllaster entgegen kam. Dessen Fahrer war einem Kleinkind ausgewichen, das auf die Straße gelaufen war. Ich geriet durch das Ausweichmanöver zwischen Reifen und Bürgersteigkante. Das rechte Pedal schürfte über die Kante und ich fiel zum Glück auf den Bürgersteig und nicht gegen den Laster. Ein andermal, von einem Tagesausflug kommend, rutschte unsere Quick auf nassem, gewölbten Pflaster weg. Zu dritt schlitterten Motorrad, Fahrer und die Beifahrerin mit einem Korb gesammelter Pilze über die Fahrbahn. Ein Vorgang, der bei der heutigen Verkehrsdichte wahrscheinlich tödlich hätte enden können.

Applaus von Bikern

Bewunderung erfuhren wir aber bei einer anderen Urlaubsreise, als wir die steile Auffahrt zum Schloss Heidelberg angingen. Knatternd und stotternd quälten sich drei PS über scheinbar endlose Kurven nach oben. Mit kräftigem Treten in die Pedale unterstützte ich das überforderte Krad. Und noch bevor uns beiden die Puste ausging, hatten wir die Auffahrt geschafft.

Vor der Schlossruine parkten zahlreiche Fahrer mit Motorrädern der oberen Klasse. Sie rieben sich bei unserem Anblick die Augen, um dann anerkennend Beifall zu spenden.


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