Aber zu spät informiert Fall Reinhard R.: Lingener Politik befürwortet Sozialtherapie

Dieter Krone, Oberbürgermeister.Dieter Krone, Oberbürgermeister.

Lingen. Auch in der Lingener Lokalpolitik schlagen die Wogen wegen des flüchtigen Schwerverbrechers Reinhard R. hoch. Der 51-Jährige soll einen Freigang aus der JVA-Lingen genutzt haben, um ein 13-jähriges Mädchen sexuell zu missbrauchen. Zwar wird die Sozialtherapie, in der R. behandelt wird nach wie vor für gut geheißen – allerdings fühle sich ein Teil der Parteien von den Behörden von dem Ausbleiben nach dem Freigang zu spät informiert.

„Mein tiefes Mitgefühl gilt dem 13-jährigen Mädchen und ihrer Familie. Gerade als Vater zweier Töchter in ähnlichem Alter kann ich sehr gut nachempfinden, was die Familie zurzeit durchmacht“, erklärte Oberbürgermeister Dieter Krone auf Anfrage unserer Zeitung. „Ich hoffe, dass der Täter so schnell wie möglich gefasst werden kann. Trotz dieses Vorfalls bin ich jedoch der Meinung, dass die Einrichtung der Sozialtherapie eine wichtige Funktion hat. Nur durch die intensive Arbeit mit den Tätern kann derartigen Strafdelikten entgegengewirkt werden. Der aktuelle Fall hat auf tragische Art und Weise gezeigt, dass es aber auch hier keine Garantien gebe – umso wichtiger ist die Arbeit der Therapeuten. Gleichzeitig erwarte ich von den beteiligten Behörden eine umgehende und lückenlose Aufklärung der Vorgänge der letzten Tage, um daraus Konsequenzen für die Zukunft ziehen zu können.“

Alle Informationen zu dem Fall Reinhard R. finden Sie in unserem Themenportal.

„Seitens der CDU halten wir nach wie vor die Einrichtung einer Sozialtherapie für richtig und wichtig. Es wird nun zu überprüfen sein, ob die Lockerung der Sicherungsmaßnahmen richtig gewesen sei. Das müsse man abwarten,“ betonte Uwe Hilling als Fraktionsvorsitzender der CDU im Stadtrat.

Daneben kritisierte der Christdemokrat aber die Informationspolitik der zuständigen Behörden. „Hätte ich von diesem Vorfall als Vater einer zwölfjährigen Tochter eher gewusst, wäre das Mädchen am Nachmittag nicht ohne Begleitung zum Sport gefahren. Diese Informationspolitik ist für mich nicht akzeptabel“, machte sich Hilling am Telefon hörbar Luft.

In die gleiche Kerbe schlug auch Irene Vehring als CDU- Stadtverbandsvorsitzende: „Ich möchte zum Ausdruck bringen, dass wir, die lokale CDU vor Ort entsetzt sind, dass wir in Lingen erst so spät über den Vorgang informiert wurden! Es ist unser ureigenstes Interesse und sollte unser Recht sein, unmittelbar informiert zu werden , wenn ein Gewaltverbrecher und eben auch Sexualstraftäter, der von der Staatsanwaltschaft als hochgefährlich eingestuft wird, sich auf der Flucht befindet. Der Schutz unserer eigenen Bevölkerung muss höchste Priorität haben.“

Straftäter auf der Flucht: Lingener Eltern in Sorge

Auch SPD-Fraktionschef Bernhard Bendick hält an der Einrichtung der Sozialtherapie fest, aber: „Es muss genau nachgesehen werden, ob im Zusammenhang mit dem Freigang des Straftäters alles richtig gemacht wurde.“ „Als zu spät benachrichtigt“ kritisierte auch Bendick die Informationspolitik der Behörden. Da hätte man offener mit umgehen sollen, weil man sonst gleich denken könnte, dass da etwas vertuscht werden könne.

„Es gibt zur Sozialtherapie keine Alternative und deswegen sind wir Grünen nach wie vor für diese Einrichtung“, betonte Birgit Kemmer. Persönlich muss ich allerdings feststellen: „Das der rausdurfte, halte ich nicht für gut.“ Allerdings lebe man in einem Rechtsstaat, dessen Gesetze einzuhalten sind, wie möglicherweise auch dieser Freigang. Allerdings müsse der Vorgang überprüft werden, um zu klären, warum es zu dieser falschen Einschätzung gekommen sei.

Keine Kritik gab es Richtung Polizei: „Wenn die Polizei aus ermittlungstechnischen Gründen die Bevölkerung nicht eher informiert hat, wird das seine Gründe gehabt haben, die ich akzeptieren kann.“

Sextäter aus Lingen hatte fast 200 Freigänge

„Zur Arbeit der Sozialtherapie gibt es keine Alternative“, erklärte der Vorsitzende der Bürgernahen, Robert Koop. „Dass sie im Einzelfall scheitern kann, ist traurige Realität. Man muss alles tun, um ein solches Scheitern auszuschließen. Das geschieht auch in der Sozialtherapie, in der verantwortungsvoll arbeitende Menschen Opferschutzarbeit machen. Ich kenne viele von Ihnen und weiß, wie sie nach an einem solchen Geschehen fühlen“, betonte Koop und ergänzte: „Der beste Opferschutz ist immer noch eine erfolgreiche Resozialisierung der Täter. Zur Resozialisierung gehört die Erprobung von Gefangenen in Lockerungen. Das geht nicht ohne Risiko des Versagens. Alternativlos ist es trotzdem.“

Durch die Sozialtherapie in Lingen seien in 20 Jahren Hunderte Straftäter gegangen. Ohne diese Sozialtherapie gäbe es Hunderte Opfer.

„Die FDP hat sich immer für die Therapie von Intensivstraftätern aber gegen die (ursprünglich geplante) Vervierfachung und dann umgesetzte Verdreifachung der Sozialtherapieplätze in Lingen vor gut zehn Jahren ausgesprochen“, betonte Jens Beeck, Liberale Fraktion. Weshalb jetzt – trotz freier Kapazitäten in der zentralen Einrichtung Niedersachsens für rückfallgefährdete Schwerverbrecher in Rosdorf – solche Straftäter in der Lingener Sozialtherapie untergebracht sind, erscheine klärungsbedürftig. Soweit zutreffe, dass der jetzt Flüchtige seit Mitte 2012 bereits 188 begleitete und weitere 194 unbegleitete Ausgänge (darunter 22 auch über Nacht) hatte, könne dies allein keine positive Prognose rechtfertigen. – die Justizministerin sei gehalten, dieses zu prüfen.Beeck: „Entscheidend ist die schnell erfolgreiche Fahndung, damit weitere Straftaten verhindert werden können. Falls Justiz und Polizei sich einen schnelleren Zugriff von verzögerter Information versprechen, ist das hinzunehmen. Allerdings ist dort abzuwägen, dass jeder Bürger der Stadt ein erhebliches Interesse hat zu wissen, wem man gerade begegnen kann“, erklärte der Liberale abschließend.

Alle Informationen zu dem Fall Reinhard R. finden Sie in unserem Themenportal.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN